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Wie Bingen mit seinen Juden lebte ...

Ein Seitenflügel der in der Pogromnacht am 9./10. November 1938 zerstörten Synagoge ist in der Binger Rochusstraße erhalten. Bild: Heribert Ertel

Geschäftsleben und Schulen / Ein Zeitzeuge erinnert sich
von Josef Kühn

Jüdisches Bingen - unter diesem Leitwort hat sich fünfzig Jahre nach dem Kriegsende in der Stadt am Rhein-Nahe-Eck ein Arbeitskreis gebildet. Die damit gestellte Aufgabenfixierung bedarf - neben sehr begrenzten menschlichen Kontakten unmittelbarer Art - der Pflege zwischenmenschlichen Austauschs. Vieles bleibt im Bereich des historischen Erinnerns; nach siebzig und mehr Jahren muß diese Erinnerung naturgemäß aber lückenhaft sein. Jüdisches Bingen - wie wenige bin ich noch in der Lage, davon aus unmittelbarem Erleben zu berichten.    

Merkwürdig: Zuletzt lebten in Bingen rund fünf Prozent Juden! Trotz dieser Minderheit waren sie als vermögende und besitzende Mitbürger an vielen Stellen präsent. Deshalb war es sicherlich auch kein Wunder, daß in meiner Jugend das Leben mit den jüdischen Mitbürgern eine mehr als gewöhnliche Rolle spielte. Im Geschäft meiner Eltern, einer Metzgerei, gab es zahlreiche jüdische Kunden. Auch mit jüdischen Viehhändlern gab es freundschaftlichen Umgang. Auch während meiner Lehrzeit in der Buchhandlung May spielte jüdische Kundschaft eine wichtige Rolle.
Nachdem mein Vater vor dem 1. Weltkrieg noch jüdische Schlachtrituale praktiziert hatte, wurde dies bald abgelegt, geschlachtet wurde wie überall. Dennoch nahm die jüdische Kundschaft nicht ab. Bis in die dreißiger und vierziger Jahre verkaufte mein Vater Fleisch an Juden, als dies schon längst nicht mehr opportun war.
Ich erinnere mich besonders an den Synagogendiener Max Wolf, eine stadtbekannte Persönlichkeit, der im Erdgeschoß eines Hauses, das an die neue Synagoge in der Rochusstraße angebaut war, zusammen mit seiner Tochter wohnte. Ich erinnere mich, als er mich beim Abliefern von bestelltem Fleisch in den Hof führte, um mir eine dort aufgebaute "Laubhütte" (Laubhüttenfest) zu zeigen. Dieser Max Wolf war übrigens im Ersten Weltkrieg Hilfspolizist. Ich weiß noch wie heute, wie er einmal in einem Häuschen in der Zehnthofstraße einen entflohenen Gesetzesbrecher inhaftierte, was bei diesem Synagogendiener etwas seltsam wirkte.
Es fällt mir allerdings schwer, mich an das Spielen mit jüdischen Kindern zu erinnern. Allgemeine Grundschulen gab's noch nicht. Jüdische Schülerinnen und Schüler gingen vom ersten Schuljahr an in höhere Schulen. Die Mädchen gingen in die Höhere Töchter-Schule, die gegenüber der Schule der "Englischen Fräulein" lag, eine Schule, die beachtliche Lehrkräfte besaß. Abitur machten sie in Mainz in der Studienanstalt. Die Buben gingen zur Realschule oder das Gymnasium, wo man Ende der zwanziger Jahre auch Abitur machen konnte. Die Erinnerung geht zurück an den Sohn des Weinhändlers Herz in der Marschallgasse, der eines Tages in der Buchhandlung May erschien und erklärte, aufgrund seiner Examensarbeit habe er eine Stelle beim Völkerbund in Genf erhalten. In der Rheinstraße gab' s ein kleines Café, wo sich gestandene jüdische Männer nach dem Mittagessen trafen zum Kartenspiel, wobei es damals schon um Geld ging.
 
Zwei jüdische Gemeinden gab es in Bingen. In der Amtsstraße neben dem Felsenkeller stand die Synagoge der eher "armen" Juden, wie wir meinten, oder der "Orthodoxen", wenn man sich genauer festlegen will. Die attraktivere Synagoge befand sich in der Rochusstraße, die Synagoge der "Reichen", aber auch der Liberalen. Beide Gotteshäuser bargen für uns Nichtjuden etwas Besonderes, etwas Geheimnisvolles. Organist in der Synagoge war Josef Knettel. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, daß in den Gesangvereinen, die Knettel in Bingen dirigierte, auffallend viele Juden vertreten waren, wobei sie besonders stark im "Cäcilien-Verein" vertreten waren.
Der Binger Weinhandel wurde größtenteils von jüdischen Weinhändlern dominiert. Da gab es vor allem die Firma Feist u. Reinach in einem gewichtigen Geschäftshaus mit großen Kellerei- und Versandhäusern. Leiter des Unternehmens waren ein Herr Gümbel und Dr. Feist. Am Drais-Brunnen in der Mainzer Straße war Seligmann-Simon fixiert; das beeindruckende Wohnhaus erinnert noch heute an den Wohlstand der Erbauer. Drei Wohnungen wurden bewohnt von den Brüdern Simon, in der vierten wohnte das Ehepaar Himmelsbach. Nicht weit davon befand sich die Weinhandlung Max Roos. Zu beiden Kindern Roos hatte ich guten Kontakt. Ich erinnere mich aber auch an die drei Brüder Brück, die in der Gaustraße eine große Kellerei besaßen - in einem Anwesen, das bis zum Nahekai durchging.
In den zwanziger Jahren hatte sich bei judischen Familien die Gewohnheit herausgebildet, examinierte junge Frauen zur Betreuung der Kinder zu engagieren. Bei einer der Familien Brück gab es eine "Kindergärtnerin", die aus dem tiefsten deutschen Süden kam und die noch heute in Bingen freundschaftlich verbunden ist. Zwei dieser Damen waren von solch spektakulärer Attraktivität, daß sie sogar in Fastnachtssitzungen Erwähnung und Würdigung fanden. Eine dieser attraktiven Erzieherinnen lebte in der Famille Steinberg; Herr Steinberg hatte in das Textilgeschäft Marx eingeheiratet. Nicht weit davon gab's ein Textilgeschäft Kohlmann, am heutigen Neff-Platz war "Hallgarten". Einer der Brüder Hallgarten hatte einen Sohn mit ungewöhnlichem Bücherkonsum. Die Brüder Kahn im Puricelli-Häus am Markt waren ebenfalls in der Textilbranche tätig, es gab außerdem den Textil-Laden von Rosenthal in der Kapuzinerstraße.
Jüdische Geschäfte von einiger Bedeutung waren die Lebensmittelgroßhandlung von Bernhard Loeb und die Mehl- und Fruchthandlung Kann auf der Gaustraße an der Drususbrücke. Die Firma Loeb war ursprünglich auf der Schmittstraße beheimatet, bis sie in die Amtsstraße umzog. Dort im ehemaligen Gasthaus Krone mit dem angebauten Tanzsaal fand man eine neue Bleibe.
Als Mitglied der lieberalen Partei gehörte Nathan Loeb dem Binger Stadtrat an. Als seineTochter Minna die "Höhere-Töchter-Schule" mit Obersekunda-Reife verließ, schickte er sie zum Abitur nach Darmstadt und erwirkte, daß das Binger Gymnasium fortan nicht nur Buben, sondern auch Mädchen aufnehmen durfte.
Minna Loeb war es dann auch, die in einem im Gymnasium einstudierten altgriechischen Schauspiel die dominante weibliche Hauptrolle spielte. Bernhard Loeb war zuletzt Vorsteher einer der jüdischen Gemeinden. Er ist 1942 mit den letzten Binger Juden in KZ und Tod abtransportiert worden.