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1999: Ehemalige jüdische Binger zu Besuch

Einladung
Ehemalige jüdische Binger Bürger sollen 1999 eingeladen werden/ Arbeitskreis als Motor - Bericht AZ vom 24. Dezember 1998

'Ihre großartige Idee eventuell eine Einladung als Gast in Bingen, meiner geliebten Heimatstadt, im Frühjahr 1999 zu senden, ist die schönste Nachricht, welche ich jemals erhalten habe', schreibt der 85 Jahre alte Arnold Schott, der heute im US-Bundesstaat Kalifornien lebt.

Die vielen Gedenkveranstaltungen und Diskussionsrunden anläßlich des 60. Jahrestages der sogenannten Reichspogromnacht haben viele Menschen aufgerüttelt - auch in Bingen. Aber nicht erst seit dem heftigen Streit zwischen dem Schriftsteller Martin Walser und Ignaz Bubis geht es um die spannende Frage, wie in Zukunft mit Judenmorden und dem Naziterror umgegangen werden soll.
Der Arbeitskreis Jüdisches Bingen mit seinen derzeit 26 Mitgliedern hat sich selbst ein klares Ziel gesetzt: 'Wir wollen die Erinnerung an die ehemalige jüdische Gemeinde neu beleben und bewahren. Ehemalige Binger Mitbürger sollen im nächsten Jahr erstmals wieder in ihre alte Heimat eingeladen werden.'

In Bingen lebten im Jahr 1900 genau 713 Juden, das waren 7,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. 1933 waren es noch 471 und 1939 noch 222 Einwohner jüdischen Glaubens. Im Jahr des Kriegsausbruchs gelang es noch zwölf Personen, Deutschland zu verlassen, 150 Juden aus Bingen wurden 1942 in die Konzentrationslager von Piaski-Lublin, Auschwitz und Theresienstadt deportiert und, bis auf einen Überlebenden, ermordet.

Mit 40 in Bingen geborenen Juden, die heute in Israel, Südamerika, den USA und anderen Ländern leben, gibt es seit Jahren mehr oder weniger intensive Briefkontakte. Der Arbeitskreis Jüdisches Bingen mit Dr. Josef Götten und Beate Goetz an der Spitze hat diese Korrespondenz mit viel Engagement und Fingerspitzengefühl ausgebaut. Auch zwei Nachkommen des Binger Ehrenbürgers Isaac Ebertsheim befinden sich darunter. Inzwischen haben 16 ehemalige Binger Bürger, alle zwischen 70 und 85 Jahre alt, ihr Interesse bekundet, noch einmal ihre Heimat am Rhein wiedersehen zu wollen. Einige sind nicht in der Lage, ohne Begleitung die weite Reise anzutreten.

Der Arbeitskreis möchte das 'Wiedersehen mit Bingen' Anfang oder Mitte Mai 1999 organisieren. Fünf oder sieben Tage lang soll den Senioren aus Chile, Mexiko, Israel, der Schweiz und den USA ermöglicht werden, die Stätten ihrer Kindheit und Jugend noch einmal anzuschauen, den jüdischen Friedhof zu besuchen oder vor den Resten der Synagoge in der Rochusstraße zu verharren. Gespräche mit älteren und jüngeren Bingern sind ebenso geplant wie eine Schiffahrt auf dein Rhein, eine Weinprobe und ein Mittagessen mit dem Landrat.

Der Arbeitskreis Jüdisches Bingen wartet darauf, daß sich die Stadt auch offiziell hinter die Einladung stellt und dem ehrgeizigen Vorhaben damit einen offiziellen Anstrich verleiht. Probleme gibt es mit der Finanzierung der Flugreisen, der Hotelübernachtungen und des Programms in Bingen. Im städtischen Doppelhaushalt stehen dafür jetzt .. Mark zur Verfügung. Eine Spendenaktion - über 200 Briefe an Persönlichkeiten aus Politik, Kirche, Wirtschaft und anderen Bereichen sind bereits verschickt - hat inzwischen weitere ... Mark erbracht. Das reicht allerdings nicht. Ein Spendenkonto ist eingerichtet. Weitere Informationen gibt es bei Dr. Josef Götten, Telefon 17430.

Verbindliche Einladungen können daher derzeit nicht verschickt werden. Die Vorfreude in aller Welt ist allerdings groß. Die kommt auch in dem Brief von Nomi Samter (geborene Anni Marx) aus Israel zum Ausdruck: 'Komisch, daß man nach 62 langen Jahren noch immer mit dem Geburtsort innerlich verbunden ist, obwohl man selber viele schwere und weniger angenehme Erinnerungen hat, aber auch viele schöne. Ja, es zieht uns irgendwie hin, unsere alte Heimat wiederzusehen.'