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1999: Ehemalige jüdische Binger zu Besuch

Aktion Speisemarkt
'Arbeitskreis Jüdisches Bingen' informierte auf dem Speisemarkt über Aktion 'Wiedersehen mit Bingen' - Bericht AZ  vom 18. März 1999

Für das Vorhaben, im Krieg vertriebenen Binger Bürgern jüdischen Glaubens im Juni ein Wiedersehen mit ihrer alten Heimat zu ermöglichen, ging der Arbeitskreis Jüdisches Bingen nun auf die Straße. Auf dem Speisemarkt verkauften die Mitglieder des Arkeitskreises (darunter der Vorsitzende Dr. Josef Götten und Bürgermeisterin Brigitte Giesbert) symbolische Bausteine für eine 'Brücke der Begegnung'.
'Die meisten Interessenten waren durch die positive Vorabberichterstattung in der AZ schon gut informiert. Auch von außerhalb kamen einige eigens nach Bingen, um die Initiative zu unterstützen', stellte Beate Goetz vom Arbeitskreis zufrieden fest. Der persönliche Bezug zur jüdischen Geschichte spielte bei denen, die das Vorhaben unterstützten, eine große Rolle. Eine ganze Reihe meist älterer Passanten, die interessiert die ausgestellten Bilder und Briefe der angeschriebenen Binger Juden im Ausland studierten, hatten zu Kriegszeiten persönliche Kontakte zu jüdischen Mitbürgern. 'Sie war so ein schönes Mädchen, und dann wurde sie umgebracht', erinnerte sich ein älterer Passant. Viele dachten wieder an ihre Schulzeit, als mit Beklemmung das Verschwinden immer mehr jüdischer Mitschüler registriert wurde.
Doch auch jüngere Passanten waren interessiert. So erbat sich eine Schülerin der Hildegardisschule Informationsmaterial für den Unterricht. Eine Bingerin, deren Großvater Jude war, ließ sich auch für die weiteren Aktivitäten des Arbeitskreises begeistern.
Wer mit der Aktion nichts anfangen konnte, spazierte am Stand einfach vorbei. Manch einer mag sich vielleicht die Frage gestellt haben, ob die Kosten für den Besuch der ehemaligen Binger Bürger ganz aus Binger Kassen bezahlt werden müssen, oder ob die Gäste auch einen finanziellen Beitrag hierzu leisten könnten. Dies wird aber vom Arbeitskreis bewußt ausgeschlossen. 'Als Vertriebene haben die ehemaligen Binger Bürger das moralische Recht, hierher zu kommen. Die Einladung soll eine Geste der Erinnerung und Dankbarkeit sein, unabhängig von der ökonomischen Lage der Gäste', bekräftigte Clemens Hahn vom Arbeitskreis.

Diese Ansicht vertrat auch eine Passantin. Die ehemalige Volksschullehrerin hatte früher selbst zwei jüdische Schülerinnen in ihrer Klasse. 'Angesichts der Güter, die vielen der ehemaligen Binger Bürger jüdischen Glaubens damals enteignet wurden, ist das Wiedersehen auch eine kleine Wiedergutmachung und ein schönes Zeichen', meinte sie. Der Arbeitskreis informiert am 17. April erneut auf dem Speisemarkt."