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1999: Ehemalige jüdische Binger zu Besuch

Empfang Burg Klopp
Verein, Stadt und Privatpersonen ermöglichten Aufenthalt - Bericht Binger Wochenblatt vom 10. Juni 1999

Im Rathaussaal auf Burg Klopp wurde eine Gruppe ehemaliger jüdischer Mitbürger/innen offiziell durch Vertreter der Stadt Bingen empfangen.

27 Mitglieder zählte die Gruppe, die aufgrund der Initiative des Vereins 'Arbeitskreis Jüdisches Bingen' unter dem Vorsitz von Dr. Josef Götten nach Bingen gekommen war, und Oberbürgermeisterin Birgit Collin-Langen betonte, daß der Rat der Stadt Bingen dabei den Förderkreis mit einem großzügigen Betrag unterstützt habe, und auch viele Privatpersonen haben großherzig dazu beigetragen, daß der Verein die Grundlage bekam, die Gruppe nach Bingen einzuladen. Viele der Gäste hatten weite Wege zurückgelegt, um in ihre frühere Heimat zu gelangen. So kamen einige aus Israel, andere aus den USA oder Lateinamerika.

OB Collin-Langen erklärte, daß sie lange überlegt habe, ob sie die Gäste mit Erinnerungen konfrontieren soll, die eventuell alte Wunden aufbrechen lassen. Sie tat es aber dann doch und erklärte mit einem Zitat von Solschenizyn, 'Bitter ist die Wahrheit der Geschichte, doch besser scheint es sie auszusprechen als sie zu verheimlichen', und bekam dafür Applaus von den Gästen. Zum Abschluß ihrer Ausführungen, bei denen man gemerkt hatte, daß sie besonders um den richtigen Ton und um das nötige 'Fingerspitzengefühl' bemüht war, wünschte sie den Gästen, daß sie positive Eindrücke mit nach Hause nehmen und ihren Angehörigen von einem veränderten Bingen berichten können.
Dr. Josef Götten als Vorsitzender des Vereins 'Arbeitskreis Jüdisches Bingen' dankte sie für die Bemühungen um Finanzierung und Organisation des Aufenthaltes.

Prinzeß Schwätzerchen alias Simone Schmitz machte ebenfalls auf die Veränderungen der vergangenen 50 Jahre in Bingen aufmerksam, wobei sie aber ein Lachen erntete, als sie feststellte, daß sich der Binger Wein in all den Jahren nicht veränderte. Sie lud als Repräsentantin des Binger Weins dazu ein, bei dem ein oder anderen Gläschen persönliche Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen.

Mit viel Leidenschaft folgten einige schon im Rathaussaal dieser Einladung. So erkannte Karl Bermann, der mit seiner Schwester Herta Ravio aus Tel Aviv angereist war, in der Binger Ehrenbürgerin Hilde Staab eine frühere Sport- und Schulkameradin wieder. Esther Epstein, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz, sprach von den Problemen, die durch die Zuwanderung von jüdischen Bürgern aus dem Osten seit etwa 1990 entstanden sind. So habe sich die Mitgliederzahl in Mainz etwa vervierfacht und alle Räume seien zu klein geworden, klagte sie. Aber eine Sorge habe die Stadt abgenommen, indem sie die Finanzierung eines neuen Gemeindezentrums zugesagt habe.

Beim Eintrag ins Gästebuch der Stadt Bingen konnte man die Dankbarkeit für die Einladung erkennen, denn viele schrieben nicht nur ihren Namen, sondern brachten dies in einem Satz zum Ausdruck. Acht Tage wurde die Gruppe in Bingen betreut, bis wieder die Heimreise nach Tel Aviv, Kalifornien, Chile, Mexiko oder Brooklyn angetreten wurde. Zu den wenigen, die wieder in Bingen beheimatet sind, gehört der gebürtige Langenlonsheimer Hans Natt. Natt flüchtete 1938 nach Bolivien, wo seine Eltern starben. Mit seinem Onkel zog er nach Israel, hielt es dort aber wegen einer Klimaallergie nur sieben Jahre aus. Vor zwanzig Jahren kehrte er nach Deutschland zurück und heiratete seine frühere Freundin Luise, die damalige Leiterin des Büdesheimer Altenheims.