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Zeitzeuge Herr Gümbel

Einfache Menschen
Nur mit Ahnenpaß

"Gucken Sie mal, da geht doch der junge Herr Gümbel"

Erinnerungen eines Binger Bürgers, den die Liebe zu seiner Stadt auch in der Ferne durch sein ganzes Leben begleitet hat

AZ Dienstag, 23. Dezember 1997
von Peter Schönfeld

BINGEN - Wer an der Schwelle des dritten Jahrtausends auf das zu Ende gehende, durch Krieg, Tyrannei, Menschenverachtung, durch Völkermord und allgemeinen Werteverfall verunstaltete 20. Jahrhundert zurückschaut, der blickt nach dieser düsteren Bilanz ohne allzu große Hoffnung in die Zukunft: Woher sollen für das neue Jahrhundert Kraft und Ermutigung, Zuversicht und Fortschrittsglaube in Ethik und Moral kommen?

Henry Edward Gumbel im Alter von drei Jahren mit seinen Eltern in Bingen. Das Foto stammt aus dem Kriegsjahr 1916. Bild: privat

Einfache Menschen

In dieser Situation, in der sich viele von uns befinden, kann Hilfe in Autobiographien von Zeugen unseres Zeitalters gesucht werden, die selber ihr Leben schweren Widrigkeiten zum Trotz mit gutem Erfolg, mit Hoffnungsfreude und Dankbarkeit glücklich gemeistert haben. Nicht Politiker oder sonstige hochgestellte Persönlichkeiten, bekannte Künstler, Schriftsteller, Filmstars, Spitzensportler, mit denen sich kaum jemand außer ihresgleichen wirklich identifizieren kann - sondern einfache Menschen, an deren Lebensphilosophie man sich ein Beispiel nehmen kann, Betroffene, die einem harten Schicksal mit Zukunfts- und Gottvertrauen die Stirn geboten haben und ihren Weg unbeirrt gegangen sind.

Das Lächeln des Engels

Die Lebenserinnerungen eines solchen Zeitzeugen sind im vergangenen Jahr posthum in London erschienen. Angesichts ihres weitgehend privaten Charakters wird es zu einer deutschen Ausgabe voraussichtlich nicht kommen. Das ist zu bedauern, vor allem für Leser aus dem Raum Bingen, denn es handelt sich um die zugleich ergreifende, schöne und versöhnliche Geschichte eines „Binger Bubs". In den letzten Zeilen seiner Erinnerungen, die er auf Bitten und Drängen seiner Familie und Freunde aufzeichnet hat, als er über 80 Jahre alt ist, zitiert er aus einem Gedicht von Horaz: „Hie terrarum mihi praeter omnes angelus ridet" (An diesem Ort, mehr als überall sonst in der Welt, lächelt mir der Engel zu). Gemeint ist seine Heimatstadt Bingen am Rhein, der er sich sein Leben lang unwandelbar verbunden fühlt.
Liebevoll umschreibt er die Stadt und ihre Umgebung und auch die Menschen, mit denen er,der am 31. August 1913, einem Sonntag, im Haus seiner Familie in der Martinsgasse das Licht der Welt erblickt, die glücklicheren ersten 18 Jahre seines Lebens verbringt. Er gedenkt seiner behüteten Kindheit, der Spaziergänge auf dem Rochusberg und der Theaterund Konzertbesuche in Mainz und Wiesbaden mit seiner Mutter; der Heimkehr des Vaters aus dem Ersten Weltkrieg im November 1918; der französischen Besatzung und der Inflationszeit
Ab April 1919 geht der bald sechsjährige Bub in die „Großherzogliche Hessische Realschule und pro-Gymnasium". Seine Lehrer sind Herr Kopp für die ersten drei Grundschuljahre, danach Studienrat Ofenloch für Latein, Professor Müller für Griechisch, Dr. Hahn für Mathematik, Professor Kunkel für Chemie und Physik, Herr Engelhard für Geographie und Englisch 'mit einer so gräßlichen Aussprache, daß es mich wie ein Schlag traf, als ich später zum ersten Mal englischen Boden betrat', und der beliebteste von allen, Dr. Carl Brück für Deutsch und Latein, schließlich Dr. Adler, der freundliche Direktor der Schule.
Im Januar 1931 wird der Autor mit 17 Jahren in der Mainzer Johanniskirche konfirmiert; den Pastor Dekan Jacob, hat sein Pate Hans Paul Hilsdorf, Sohn von Jakob Hilsdorf, ausgesucht. Im März 1931 folgt das Abitur, und es ist unser Zeitzeuge, der bei der Schulentlassungsfeier die Dankrede des Abiturjahrgangs hält, die in der nächsten Ausgabe der Mittelrheinischen Volkszeitung abgedruckt wird. Im Schlußsatz sagt er: „Doch wenn unser Lebenskampf unter dem Dreiklang Arbeit, Freiheit und Gemeinschaft steht, dann werden wir den Namen zu Recht tragen, der uns allen gemeinsam ist und der uns alle verpflichten und einen soll - den Namen Deutsche." Die Überschrift der Meldung lautet: 'Das Bekenntnis des Abiturienten Gümbel bei der Binger Entlassungsfeier'.
Heinrich Eduard Gümbel: Sproß einer angesehenen, seit Generationen in Bingen ansässigen jüdischen Familie. Der Vater Gustav Gümbel, ein geachteter Bürger der Stadt, ist als Bankdirektor i. R und langjähriger Präsident der Industrie- und Handelskammer Bingen eine ebenso respektierte wie beliebte Persönlichkeit, 'durch und durch von liberaler Gesinnung. Er war ein Agnostiker, aber einer, der sehr klare Vorstellungen von den moralischen Werten hatte, nach denen die Menschen sich im Leben richten sollten', und der sich selber und seine Familie schon früh von der jüdischen Religionsgemeinschaft entfernt hat.
Das kommt bei seinem Sohn bereits im Alter von fünf Jahren zum Ausdruck, und er beschreibt es in seinem Buch: ,An meinem allerersten Schultag (April 1919) kamen ein Priester, der Pastor und ein Rabbiner, um sich ihrer Schäfchen anzunehmen, und wir wurden dafür in drei Gruppen getrennt. Als ich nach Hause kam, berichtete ich meiner Mutter mit beträchtlicher Empörung: ,Stell dir vor, wohin die mich gesetzt haben - zu den Juden!' - ,Und was hast du gemacht?' - ,Ich habe mich weggesetzt.' Sein Vater veranlaßt, daß er von jeglichem Religionsunterricht befreit wird - was ihn in den folgenden Jahren nicht hindert, so manches Mal mit den Jungen seiner Klasse einträchtig in die Gottesdienste in St. Martin zu gehen. Erst nach dem Abitur, während des Studiums und von da an sein Leben lang, beschäftigen ihn Fragen des Glaubens, der Religion und der eigenen, weitgehend religiös bedingten Identität sehr intensiv.
Eine Rückkehr zu jüdischen Traditionen kommt für ihn zu keiner Zeit in Betracht: 'Ich hätte meine Platz in der Welt, der ich angehört hatte, verloren, und es gab keine andere, der ich mich zuwenden konnte', so schreibt er im Rückblick auf das Frühjahr 1933, als er sich zwei Jahre nach dem Abitur von heute auf morgen entrechtet, verfemt und ins Exil getrieben sieht. Alle Menschen, die seinen spirituellen Weg begleiten und beeindrucken, nennt er mit Namen. Es sind die Eltern und einige seiner Verwandten, später Dekan Jacob, der ihm nicht nur Johannes 14, 1-6 als Konfirmationsspruch, sondern auch Adolf von Harnacks 'Vorlesungen über das Wesen des Christentums' mitgibt, andere Kirchenmänner und Theologen wie Bischof George Bell, Hans Küng, Emil Brunner und viele großartige Menschen, die Freunde fürs Leben werden. Seine Frau, die ebenfalls aus Deutschland stammt, lernt er 1944 in London bei einer privaten Bibelstunde kennen. Ein Höhepunkt im Kapitel 'Religion' ist ein überwältigendes geistiges Erlebnis, das ihm 1935 im Züricher Exil widerfährt, als die düsteren Zukunftsaussichten dabei sind, alle seine Hoffnungen und Lebenspläne zu zerstören: 'Eines Tages, als ich gerade die Frohburgstraße hinunterging zur Universität, geschah mit mir etwas, das nur als Theophanie beschrieben werden kann (unmittelbare Manifestation Gottes). Die jäh über mich kommende Empfindung einer Kraft, die aufrichtet, einer realen, ständig erfahrbaren Präsenz nahe zu sein, der man sich anvertrauen und mit der man eins sein kann - dieses elementare Gefühl des Gottvertrauens habe ich nie mehr verloren. Es ist der zentrale Mittelpunkt meines christlichen Glaubens geblieben.'