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Dr.Peter Frey Bingen 2008

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Rede - Teil 5 -

Dr. Peter Frey Über das Erinnern – vom Umgang mit der Vergangenheit

Veranstaltung im Großen Saal des Kulturzentrums Bingen Bingen, 14. November 2008 - Teil 4 -

Kommen wir zurück zu den Ereignissen des 9./10. November 1938. Ich will einen weiteren Lebensbericht aus dieser Nacht zitieren, auch wenn es schmerzhaft ist. Auch die Erinnerungen des Hans Natt sind im einzelnen auf den Internet-Seiten Jüdisches Bingen nachzulesen. Ich zitiere sie, weil der Bericht klarmacht, dass es in diesen Tagen nicht nur Gewalt gegen jüdische Gotteshäuser und heilige Ritualgegenstände gab, sondern auch Gewalt gegen jüdische Menschen ausgeübt wurde. Hans Natt ist der Sohn einer Winzerfamilie aus Langenlonsheim und erinnert sich: „So kam die Kristallnacht 1938. Im Kontor wurde der Fensterladen hochgehoben, Scheiben eingeschlagen und die Meute war im Hause. Vom Speicher bis zum Keller wurde alles kurz und klein geschlagen, wir mit, so zog man meine Mutter an den Haaren aus dem Bett und warf sie die Treppe hinunter. Am nächsten Tage kam das Rollkommando von Kreuznach und erledigte, was noch zu erledigen war. Anschließend kam der Mob ins Haus und es wurde gestohlen, was nur möglich war. So hatte zum Beispiel die Frau des früheren Friseurs von Langenlonsheim ein Bild mitgehen lassen. Diese Frau wohnte später hier im Altenzentrum St. Martin, in ihrem Zimmer hing das Bild. Von einem anderen Langenlonsheimer hatte ich davon erfahren, ließ das Bild holen und die alte Dame sagte dann, ich hätte mich nicht einmal bedankt, dass ich dieses Bild bekam. Es ist das einzige Erinnerungsstück, was ich von zu Hause besitze. Früh morgens, nach der Kristallnacht, kam unser Hausarzt, Herr Sanitätsrat Dr. Christ mit Sohn Walter, und als er den ganzen Chaos sah, sagte er „ich schäme mich zum ersten Male ein Deutscher zu sein“. Um 7 Uhr kam die Polizei, nahm meinen Vater und Onkel mit ins Gefängnis nach Kreuznach und von dorten ging der berühmte Judenzug nach Dachau. Meine Mutter rief dann die Firma Auto-Staiger an in Bingerbrück, dorten wurde unser Auto immer gewartet, er kam sofort und wir sind mit unserem Auto nach Mainz gefahren. Dorten war die Aktion noch in vollem Gange, meine Mutter und ich nahmen ein Taxi und wollten nach Frankfurt, zu meinem Onkel, Dr. Hugo Natt. Auf halbem Wege wurden wir angehalten, es war SS und man untersuchte die Autos nach fliehenden Juden. Ich trug damals schon lange Hosen, war ganz gut gebaut, meine selige Mutter sah sehr gut aus und so kamen die Schergen an unser Auto, mit dem Gruß Heil Hitler. War es Eingebung, war es Dummheit, ich antwortete in gleicher Form Heil Hitler und so sagte man uns, bitte fahren Sie doch weiter! Welche Aufregung damit verbunden war brauche ich Ihnen nicht zu sagen, es war kein Husarenstück von mir, es ging um Leben und Tod und war eine große Nervenprobe gewesen. Wir waren kaum in Frankfurt, stürzte das Dienstmädel meines Onkels ins Zimmer, Herr Doktor, eben werden alle Juden auf der Straße verhaftet. Mein Onkel sagte, hier ist keine Bleibe für Euch und wir sind nach Mainz zurückgefahren, mein Onkel steuerte das Auto. In Mainz sind wir in das Eisenbahnhotel gefahren, der Besitzer war ein Herr Jakobi, Angestellter der Fa. Sichel, und so kannte er meinen Vater. So kamen meine Mutter und ich unter, und waren gut versteckt.“

Eine dramatische Schilderung, die ja auch davon erzählt, dass es immer wieder anständige Menschen gegeben hat, die den bedrängten Juden halfen. Dies erinnert mich an den berühmten Roman von Anna Seghers „Das siebte Kreuz“, in dem geschildert wird, wie ein Flüchtling aus dem KZ-Westhofen (das im Außenlager Osthofen bei Worms sein historisches Vorbild hatte, wo übrigens heute eine gut dokumentierte Gedenkstätte zu besichtigen ist), wie dieser Flüchtling Georg Heisler sich durch die rheinhessische Landschaft nach Frankfurt durchschlägt und auch immer wieder Hilfe erfährt, bis ihm schließlich die Flucht auf einem holländischen Frachtschiff gelingt. Es gab Menschen, die geholfen haben: Pfarrer, Ärzte, Fahrer, Putzfrauen, große und kleine Leute – und viele andere mehr. Sie haben in den Zeiten des Hasses für Deutschland Ehre eingelegt. Es geht, wenn wir uns mit dieser Zeit beschäftigen, nie allein um Schuld und Versagen, sondern immer auch um Mut und Zivilcourage, wenn auch von viel zu wenigen. „Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie lässt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen“, hat Richard von Weizsäcker gesagt und seine Mahnung damit verbunden: „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“. Diese Erinnerungen, meine Damen und Herren, ist schmerzhaft – weil sie uns treffen. Solche Erinnerungen sind umso schwieriger auszuhalten, zu ertragen, je enger sie mit unserem eigenen Leben, unserer Familie oder von Bekannten verbunden sind. Deshalb ist der Umgang mit der Vergangenheit an einem konkreten Ort auch viel schwieriger und anspruchsvoller als im abstrakten. Ich bin sicher, dass auch Ihnen, hier im Saal, noch vieles einfällt, was der Aufklärung, der Erklärung und der Erinnerung bedarf. Und sicher wissen Sie besser als ich, wo um des sogenannten lieben Friedens willen geschwiegen wurde.

Übrigens sind sich an diesem Punkt Täter und Opfer sehr ähnlich. So wie den Tätern und ihrem Umkreis das Erinnern schwer fällt, und sie es oft viele Jahre verdrängen und verweigern, geht es oft auch den Opfern. Auch bei den Opfern leidet die erste Generation danach oft genauso unter dem Schweigen der Eltern, den Tabus, die sich in der Familie aufbauen, wie es bei den Tätern war. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied: Die Kinder der Täter konnten rebellieren, sie konnten die Beschäftigung mit der Vergangenheit erzwingen – und mindestens dafür gebührt der 68er-Generation Anerkennung, auch wenn die, wenn ich das richtig sehe, hier in Bingen nicht wirklich durchgedrungen ist. Die Kinder der Opfer aber mussten oft genug mit dem Schweigen leben lernen. Diese Mauern des Schweigens, des Verstummens, der stillen Verzweiflung konnten sie nicht mit Protest, Rebellion oder Anklage umwerfen.

Ein gemeinsames Bild von der Geschichte zu entwerfen ist schwer und oft mit sehr heftigen Konflikten und Emotionen verbunden. Erinnern wir uns nur an die aufgeheizten Debatten über die Wehrmachtsverbrechen oder die Deserteure. Wir haben viele Jahrzehnte gebraucht, um uns der Wahrheit zu stellen. Bundeskanzlerin Merkel hat letztes Jahr bei der Rede zur Verleihung des Leo-Baeck-Preises in Berlin eine wichtige Frage gestellt: „Wie nehmen wir die Verantwortung wahr, wenn die Generation derer nicht mehr unter uns ist, die die Shoa selbst erlebt und überlebt hat?“ Dies ist keine abstrakte, sondern eine sehr konkrete Frage – und, gerade vor dem Hintergrund, dass die Erinnerung nun bald übergehen wird von einer persönlich-erlebten in eine medial-vermittelte, dürfen wir in Bingen besonders dankbar dafür sein, dass Menschen, die den Holocaust überlebt haben, noch einmal zurückgekommen sind, unter dem Gedanken der Versöhnung und nicht der Rache, mit dem Wunsch, Frieden mit ihrer alten Heimat zu machen – Dr. Goetten, Sie haben ja ausführlich aus den Erinnerungen von Ly Japha, geborene Lisa Gross, zitiert.