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Dr. Peter Frey Bingen 2008

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Rede - Teil 5 -

Dr. Peter Frey Über das Erinnern – vom Umgang mit der Vergangenheit

Veranstaltung im Großen Saal des Kulturzentrums Bingen Bingen, 14. November 2008 - Teil 3 -

 Auch in der Schilderung der Nacht folge ich weitgehend den Beschreibungen im Neuen Binger Anzeiger: „Schon in der Nacht des 9. November versuchten Eindringlinge die Binger Synagoge in der Rochusstraße in Brand zu stecken. Bänke wurden mit Benzin übergossen und angesteckt, in der Sakristei brannte es. Aber man war nicht sehr geübt im Feuerlegen. Der Hausmeister konnte das Feuer löschen, ehe es richtig zur Entfaltung kam“. Dann, am 10. November „tobt eine "wilde Horde" durch die Binger Straßen. Angeführt von der Binger SA, der Binger SS, Studenten des Technikums, sowie unterstützt von der Ingelheimer SA, werden jüdische Wohnungen und Geschäfte demoliert. Zerstört wird die kleine Synagoge der orthodoxen Juden in der Amtsstraße. In der Rochusstraße werden Thorarollen aus dem Fenster geworfen, die Inneneinrichtung der Synagoge wird vollständig zerschlagen, auch die wertvolle Orgel im Werte von 35.000 Mark, das Gründungsgeschenk der Stadt. SA-Männer erklettern die Fassade, die beiden Löwenköpfe werden abgeschlagen, man ruft herunter, dass die jetzt bestimmt "keinen Schnuppe" mehr kriegen. Dann wird Feuer gelegt. Gegen 17 Uhr brennt die Synagoge. Zwar wird die Feuerwehr geholt, um zu löschen, aber sie kapituliert vor den meterhohen Flammen, die Wasserversorgung der Feuerwehr wird auch sabotiert. Viele Schaulustige verfolgen den Synagogenbrand, die SA sperrt die Rochusstraße ab. Die Synagoge brennt vollkommen ab“.

An dieser Schilderung besonders aufwühlend und auch historisch bedeutsam ist, dass in Bingen offenbar anders als an anderen Orten des Reichs die Schändung nicht von SA- und SS-Männern von außen vorgenommen wurden, sondern dass es Binger selbst waren, die gegen die jüdische Gemeinde vorgingen. Vielleicht kann man auch einmal dem Hinweis nachgehen, dass die einheimische Feuerwehr zunächst ausrückte, um den Brand zu löschen. Das erinnert an die berühmte Geschichte, wie der Polizeioberhauptmann Wilhelm Krützfeld verhinderte, dass die Neue Synagoge in der Berliner Oranienburger Strasse niedergebrannt wurde. Die Binger Feuerwehr konnte das nicht verhindern. Aber wäre es nicht gut zu wissen, wer in dieser Nacht und an diesem Tag versucht hat, den Juden noch beizustehen?

In der Niederschrift aus dem Jahr 1946 heißt es weiter: „Als man nach Mainz telefonisch dieses Verbrechen meldete, wurde erwidert: „Was, bei Euch stehen die Synagogen noch? In Mainz ist keine mehr vorhanden.“ Ein Beweis dafür, dass die Judenaktion allgemein organisiert und von höheren Stellen aus befohlen war, folgert Tullius. In dem Artikel wird auch ausgeführt, dass später das städtische Museum einige Gegenstände sicherstellte, so u. a. Thorarollen, Tücher, Silbergegenstände, Hörner, Betriemen, den Bauplan der Synagoge, Gebetsrollen, Schöpfkellen, Bücher, eine Aufsatzspitze aus Messing mit Glöckchen und Altardecken, um damit eine Ausstellung zu veranstalten. Die Gegenstände befänden sich im Besitz der Binger Kriminalpolizei. Wie eine Anordnung des Generalstaatsanwaltes Dr. Doller besagt, werden in Kürze die Strafprozesse wegen der Judenaktion aufgenommen werden. Die Voruntersuchungen stehen kurz vor ihrem Abschluss, so auch bei der Kriminalabteilung in Bingen. Zitat Ende.

Darüber, wie diese Verfahren nach dem Kriege verlaufen sind, habe ich in den Unterlagen nichts gefunden. Vielleicht ist das kein Zufall, denn natürlich ist es besonders schmerzlich, sich mit den Namen der Täter auseinander zu setzen, die ja – wie überall in Deutschland – schnell wieder in die Gemeinschaft integriert wurden. Übrigens habe ich mich gefragt, ob die Tatsache, dass die Erinnerungsarbeit in Bingen – auch im Vergleich mit anderen ähnlichen Städten hier in Rheinland-Pfalz – so spät begonnen wurde, dass die Kraft der Verleugnung so stark war, weil die Frage nach Opfern und Tätern hier sozusagen auf engerem Raum zu beantworten war.

Nach der Schilderung dieses Tags und dieses Verbrechens, das ja übrigens unweit der Hildegardisschule begangen wurde, und von dem auch viele der Mädchen erschreckt Notiz nahmen, scheint mir übrigens auch klar, dass die Auskunft, nicht gewusst zu haben, was mit den Juden geschieht, einfach nicht wahr sein kann. Der Synagogenbrand war ein Geschehen, vor dem niemand die Augen verschließen konnte. Auch die Bilder der Entrechtung im kleinen hat mancher immer noch vor Augen. Beispielsweise, so hat es mir einmal ein alter Binger erzählt: Da Juden ab einem bestimmten Zeitraum nicht mehr in allen Geschäften einkaufen durften, mussten sich in den ersten Kriegsjahren die verbliebenen, verängstigten alten Menschen die Schlossbergstrasse hoch quälen, weil nur es nur noch einem kleinen Geschäft in der Waldstrasse erlaubt war, Juden zu bedienen. Die Bilder von den Menschen mit den Judensternen haben sich manchem eingebrannt. Von der brennenden Synagoge in Bingen, von den 1.400 zerstörten Synagogen in Deutschland bis zu den brennenden Menschen in Auschwitz war es jedenfalls nur noch ein Schritt.

Mein Freund, der amerikanische Historiker David Marwell, der das „Museum for Jewish Heritage“ an der Südspitze Manhattans in New York leitet, hat vor Schulabgängern eine Ansprache gehalten und gesagt: „Jede Erinnerung ist persönlich“. „Geschichte, selbst die sich auf der Weltbühne abspielt, ist die Konzentration der persönlichen Geschichte der beteiligten Menschen“. Das gilt für Täter und für Opfer. David hat in seinem Vortrag an einem Beispiel erklärt, wie wichtig, ja lebenswichtig Erinnerung ist, ja die Aussicht darauf, erinnert zu werden, etwas zu hinterlassen – gerade für die, die ihr Leben in Gefahr wissen. Er erzählt die Geschichte des polnisch-jüdischen Historikers Emmanuel Ringelblum, der mit Hunderttausenden anderen 1939 von den deutschen Besatzern ins Warschauer Ghetto eingepfercht worden war – einer von Ihnen war Marcel Reich-Ranicki, der das ins seiner aufwühlenden Autobiographie „Mein Leben“ beschreibt. Ringelblum hat im Warschauer Ghetto Gelehrte und Künstler, Schriftsteller und Handwerker zusammengebracht und unter dem Namen „Oyneg Shabbos“, zu deutsch: die Freude des Sabbat, eine Gruppe mit dem Ziel begründet, für die Nachwelt alle Aspekte ihres Lebens im Ghetto festzuhalten und zu sammeln: Plakate, Theaterprogramme, Schulprojekte, Kultgegenstände, Werkzeug. Als klar wurde, dass das Ende unausweichlich war und es keine Rettung geben würde, packten Ringelblum und seine Mitstreiter das Material in Metallboxen und Milchkannen und gruben sie unter den Straßen von Warschau ein, in der Hoffnung, dass das Material erhalten bleibt, über den Tod derjenigen hinaus, die es sammelten. So entstand ein lebendiges Archiv des Warschauer Ghettos. Nach dem Krieg wurde es entdeckt und gerettet – und war dann in dem New Yorker Museum zu sehen.

Unter den Dokumenten fand sich ein besonders bewegendes Schriftstück – der letzte Wille des 19jährigen Dawid Graber. Er hatte geschrieben: „Das, was wir nicht in die Welt hinausschreien konnten, haben wir in der Tiefe vergraben. Ich würde gerne den Augenblick miterleben, in dem dieser große Schatz wieder ausgegraben wird und der ganzen Welt die Wahrheit enthüllt. Damit die Welt sie kennt. Dieser Schatz soll in gute Hände fallen und bessere Zeiten sehen, die Welt alarmieren und wach halten“. So unmittelbar, sozusagen mit heiligem jugendlichen Zorn und einer großen Hoffnung, wie man sie vielleicht nur als junger Mensch in einer so ausweglosen Situation empfinden kann, ist das selten ausgedrückt worden. Erinnerung hat immer unterschiedliche Dimensionen. Natürlich geht es zuerst um das Andenken – an bestimmte Menschen und das, was ihnen etwas wert war, wie sie gelebt haben. Es geht aber auch darum, was über die konkrete Person bleibt und was man aus ihrem Schicksal lernt.

Ich erzähle diese Geschichte auch als Anregung, mit Nachdruck dem Hinweis des Zeitungsartikels von 1946 nachzugehen und zu recherchieren, was aus den beschriebenen Kultgegenständen geworden ist. Herr Dr. Götten hat mich darauf hingewiesen, dass alle bisher angestellten Nachforschungen ins Leere gelaufen sind. Aber es steht fest, dass solche Erinnerungsstücke, zusammen mit den Fotographien, die seit heute hier ausgestellt werden, ergänzt um Leihgaben aus den Familien derjenigen, die sich retten konnten, all dies könnte zum Grundstock eines kleinen, ständigen Orts der Erinnerung an die jüdische Gemeinde zu Bingen werden.