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Dr. Peter Frey Bingen 2008

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Rede - Teil 5 -

Dr. Peter Frey Über das Erinnern – vom Umgang mit der Vergangenheit

Veranstaltung im Großen Saal des Kulturzentrums Bingen Bingen, 14. November 2008 - Teil 2 -

Es ist, und das ist ein großes Geschenk, wieder ein Netz von Verbindungen entstanden. Die Nazis behielten mit ihrem Vernichtungswerk nicht das letzte Wort. Es hat freilich lange bis dahin gedauert. Erst im Jahr 1982 wurde in Bingen die Gedenktafel an der Synagoge angebracht – viel später als anderswo. Und noch einmal zehn Jahre später, erst im September 1992 veröffentlichte Jochen Tullius – dem große Verdienste beim Kampf um die Erinnerung gebühren – eine Liste der 150 Binger Juden, die im Jahr 1942 in zwei Transporten in die Vernichtungslager von Lublin und Theresienstadt gebracht wurden. Auch diese Liste ist im Internet nachzulesen. Sie ist ein ebenso knappes wie erschütterndes Dokument. Man liest nur Namen, Alter und den letzten Wohnort der Ermordeten und muss daraus seine eigenen Schlüsse ziehen. Die Mehrheit der letzten Binger Juden war schon in hohem Alter, als sie deportiert wurde. Viele hatten sich offenbar von ihrer Heimat nicht trennen wollen oder nicht über die materiellen Mittel verfügt zu gehen, als das noch möglich war. Es finden sich aber auch die Namen wie die von Arthur Marx und Irma Marx, beide 43, mit ihren Töchtern Gisela und Doris Marx (elf und zehn Jahre), letzter Wohnort Schmidtstr. 41, oder die erst 21-jährige Änne Seligmann aus der Gaustraße 21. Die Namen sind also dem Vergessen entrissen. Aber können wir auch nur ahnen, was die Menschen gefühlt haben, als sie – wie man auf den jetzt aufgetauchten Bildern sehen kann – vor der Stadthalle in die Lastwagen einsteigen mußten und dann mit dem Zug Richtung Osten gefahren wurden?Die Arbeit an der Erinnerung forderte viel von denen, die sie aufnahmen. Oft war es ein von Konflikten begleiteter Kampf. Spät hat er auch in Bingen zu Erfolgen geführt: Etwa mit der Aufstellung des großartigen Holzmodells der Binger Synagoge, das hier im Kulturzentrum einen würdigen Platz gefunden hat. Und auf ihre unscheinbar-unübersehbare Weise tragen auch die Stolpersteine dazu bei; die immer mehr werden – und für die, wenn ich das richtig sehe, der Arbeitskreis auch gerne noch den einen oder anderen Sponsoren finden würde. Wenn man all das zusammenträgt: die Internet-Seite, Publikationen wie die Lebenserinnerungen von Mathilde Mayer, die Organisation von Begegnungen, das Synagogen-Modell und die Stolpersteine, dann können wir heute wirklich sagen: Die Zeit der Verdrängung und der Verleugnung ist zu Ende. Bingen erinnert sich.Und das tun wir heute Abend auch mit einem Datum, das für unsere Stadt ein besonders schwieriges ist: der 9. November 1938. Fast sechs Jahre regierten die Nationalsozialisten damals schon, auch in der Stadt, in der es, wie vielerorts am Rhein, eine blühende und einflussreiche jüdische Gemeinde gegeben hatte. Viele jüdische Familien hatten freilich ihre Heimat schon verlassen, Haus und Geschäft zum Spottpreis verkauft, in Nord- oder Südamerika oder Palästina eine neue Existenz aufbauen müssen, von Heimat wollen wir nicht sprechen. Mein Großvater Karl Frey, der aus einer Winzerfamilie stammte, war übrigens bis zu seinem frühen Tod im Dezember 1935 Prokurist in der jüdischen Weinhandlung Meyer (?) in der Schlossbergstrasse. Die Inhaber haben meine Großmutter und ihre beiden kleinen Kinder bis 1938 materiell unterstützt – und sie hat ihnen das nie vergessen. Es war eine bedrängte und schon in Auflösung begriffene jüdische Gemeinde, die in jener Novembernacht vor 70 Jahren angegriffen wurde.Es gibt einen sehr anschaulichen Bericht über die Zerstörung der Synagoge aus dem Jahr 1946, der die wesentliche Grundlage für einen langen AZ-Artikel von Jochen Tullius abgibt, den er 1988 zum 50. Gedenktag veröffentlicht hat. Bevor ich daraus zitiere, will ich einen Blick auf das Gebäude werfen, das Gotteshaus, das in jener Nacht unterging und Bingen seither fehlt. Nur 35 Jahre vorher, im Jahr 1903 hatten die Binger Juden beschlossen, ihre alte Synagoge in der Rheinstraße, welche viel zu klein geworden war, aufzugeben. Schon 1905 konnte der von Professor Levy aus Karlsruhe im neuromanischen Stil durchgeführte Neubau eingeweiht werden. Die nach Osten gerichtete Fassade der Synagoge war umrahmt von den beiden Treppentürmen mit anschließenden Wohngebäuden zu beiden Seiten der Eingangshalle. Beherrschend über dem Portal der Eingangshalle, das Motiv der Gesetzestafeln, die Moses auf dem Berg Sinai von Gott empfangen hatte, mit den beiden sie beschützenden Löwen, von denen noch die Rede sein wird. In der Eingangshalle befand sich der kostbare Thoraschrein der alten Synagoge, ein Schmuckstück sakraler Kunst aus dem Jahre 1700. In einem weiteren Raum, ein Netzbrunnen unter einem Kreuzgewölbe. Im Hauptraum der Synagoge, deren Erdgeschoß für die Männer, die Empore für die Frauen vorgesehen war, erhebt sich als Mittelpunkt hinter einem kostbaren Vorhang das Allerheiligste mit dem Thoraschrein. Eine Kanzel steht bewußt in räumlicher Verbindung dazu. Unterhalb auf einer Estrade, der siebenarmige Leuchter neben dem Vorbetertisch. Im Hintergrund, in Höhe der Empore, befindet sich die Bühne mit der großen Orgel, ein Geschenk der Stadt Bingen an ihre jüdische Gemeinde. Die Fenster der Synagoge sind mit schönen Glasmalereien versehen, gestiftet von wohlhabenden Mitgliedern der Gemeinde. Die Holzdecke wie die Wandflächen sind reich verziert. Über dem Allerheiligsten erhebt sich die Kuppel, die auch die Außenfassade beherrscht.Als das Haus am 21. September 1905 geweiht wurde, schrieb Rabbiner Richard Grünfeld in der Festschrift: „Möge die Synagoge ein Haus des Segens und des Friedens werden“. 33 Jahre später wird die Synagoge gestürmt.