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Dr. Peter Frey Bingen 2008

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Dr. Peter Frey Über das Erinnern – vom Umgang mit der Vergangenheit

Veranstaltung im Großen Saal des Kulturzentrums Bingen Bingen, 14. November 2008 - Teil 1 -

Lieber Herr Dr. Goetten, liebe Frau Goetz, liebe Frau Giesbert, liebe Mitglieder des Arbeitskreises Jüdisches Bingen, liebe Frau Oberbürgermeisterin, es ist besonders wohltuend, dass Sie heute Abend hierher gekommen sind und dafür sogar Ihren Terminkalender umgeworfen haben, meine Damen und Herren, liebe Binger,es ist für mich nicht einfach, heute vor Ihnen zu stehen und diese Rede zu halten. Gewiss, ich bin Binger und habe versucht, den Kontakt zu meiner Heimatstadt immer zu halten, schon weil meine Eltern hier leben. Doch „Über das Erinnern und den Umgang mit der Vergangenheit“ zu sprechen, das hat seine Tücken – zumal für Einen, der 21 Jahre, nachdem die Synagoge auch hier in unserer Stadt gebrannt hat, geboren wurde. Wer die Zeit nicht miterlebt hat, steht in der Gefahr als Besserwisser oder gar als Richter dazustehen. Das will ich nicht. Ich spreche aber auch als Einer, den es nach seinem Abitur im Jahr 1976 schnell weggezogen hat, und der deshalb die Entwicklung der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die mittlerweile eingesetzt hat, nicht oder nur am Rande mitbekommen hat. Auch das birgt die Gefahr, sozusagen über Ihre Köpfe und das Bewusstsein der Stadt hinweg zu sprechen. Ich will mich deshalb unserem Thema mit Zurückhaltung nähern und das letzte Urteil Ihnen überlassen, die Sie entweder die schlimme Zeit noch miterlebt haben oder auch besser als ich beurteilen können, warum Bingen erst in den letzten Jahren zu einer systematischen Auseinandersetzung mit seinem jüdischen Erbe kommen konnte. In meiner Rede werde ich, auf der Grundlage mittlerweile zugänglicher Augenzeugenberichte, über den 9. und 10. November 1938 sprechen, über die Aufarbeitung der Vergangenheit, soweit ich sie erfahren habe – vor allem aber über die Zukunft und die Lehren, die wir aus den Erfahrungen ziehen, und ein paar konkrete Vorschläge machen, die vielleicht nicht 1:1 umgesetzt werden können, aber doch einen Anstoß über bisher erreichte hinaus liefern sollen.Wir alle haben große Reden über das Erinnern im Ohr – erst am vergangenen Sonntag hat die Bundeskanzlerin in der renovierten Synagoge in der Rykestraße in Berlin gesprochen. Es gab wegweisende, kluge Reden von Bundespräsidenten, Bischöfen und Professoren. Es macht aber einen Unterschied, ob man an einem Gedenktag, bei einer Feierstunde relativ abstrakt über die Ereignisse, wie es dazu kommen konnte und die Lehren daraus sprechen kann. Oder ob man sich, und das sollten wir doch 70 Jahre später tun, mit der Geschichte der eigenen Stadt auseinandersetzt, und auch kritisch auseinandersetzt. Ich will mit einem Dank beginnen. Er richtet sich an den Arbeitskreis Jüdisches Bingen, der vor zehn Jahren gegründet wurde. Und obwohl die Ereignisse, die uns heute zusammenführen, schon damals 60 Jahre vergangen waren, auch das Ende des 2. Weltkriegs mit den verheerenden Bombenangriffen auf Bingen ein halbes Jahrhundert vorüber war, hatten es die Frauen und Männer nicht einfach, in der Stadt zu erklären und durchzusetzen, was sie sich vorgenommen hatten: die Erinnerung wachzurufen – und eine Brücke zu den Überlebenden oder ihren Kindern aufzubauen. Die Kräfte der Verdrängung und des Widerstands waren noch sehr groß. Und es brauchte Zeit und Überzeugungskraft, bis die Stadt und auch alle politischen Kräfte, bis die Vereine und eben alle, die das gesellschaftliche Leben hier tragen, an die Notwendigkeit dieser Arbeit glaubten. Nicht nur als Zeichen von Versöhnung. Sondern auch weil es um unsere eigene Vergangenheit geht. Gesine Schwan hat gerade darauf hingewiesen, dass das Bild von der eigenen Vergangenheit, von der Vergangenheit der Väter oder eben der Gemeinde, in der wir zu Hause sind, auch unsere Gegenwart prägt. Wer Teile der Vergangenheit verdrängt oder verleugnet, der steht nicht auf sicherem Grund. Deshalb glaube ich, dass dieser Arbeitskreis uns allen gedient hat, auch wenn er gelegentlich als Stachel im Fleisch empfunden wurde.Es ist Ihnen zu verdanken, dass wir heute viel über die große und bedeutende jüdische Gemeinde von Bingen wissen. Und dass das Wissen darüber, wie sie untergegangen ist, nicht mehr im Dunkel der Archive oder vereinzelter persönlicher Erinnerung liegt. Sie haben sich moderne Kommunikationsmittel dabei zu Nutze gemacht und mit der Homepage „www.juedischesbingen.de“ eine Plattform geschaffen, auf der man sehr viele Informationen, Augenzeugenberichte und andere Quellen findet. Auch ich selbst habe die Seite zur Vorbereitung des heutigen Abends genutzt und werde daraus noch zitieren. In meiner Schulzeit, in der Zeit, als ich mich mit meinen Freundinnen und Freunden der Katholischen Studierenden Jugend am Stephan-George-Gymnasium und der Hildegardisschule rund um die Benediktinerpatres Anselm Zeller OSB und Aurelian Feser OSB ja auch ein bisschen in die Stadt einmischte – ich denke an Sammelaktionen für Slums in Venezuela während des Winzerfestes in den 70er Jahren -, in dieser Zeit war die Erinnerung an das Jüdische Bingen ganz im Dunkeln. Ich will niemandem Unrecht tun. Aber ich kann mich nicht erinnern, über Nationalsozialismus und Judentum hier in Bingen, in unserer Heimat in der Schulzeit je gesprochen zu haben. Es ist Ihnen, verehrte und engagierte Mitglieder dieses Vereins, zu verdanken, dass die Quellen wieder zugänglich sind. Vielleicht kann man sogar sagen, dass Sie ein Schweigegebot gebrochen haben, das in Bingen – wie in so vielen anderen deutschen Städten – herrschte, aus Schuldbewusstsein, Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit.

Aber das ist anders geworden. Sehr dazu beigetragen haben die Einladungen ehemaliger Binger Juden in ihre Heimatstadt – und Frau Dr. Ruth Formanek schildert ja in einem Interview mit der AZ im Jahr 2001, mit welcher Befangenheit sie zurückgekehrt ist. Aber sie erzählt eben auch, wie die Befangenheit sich im Lauf vieler Jahre legte. Scheu gab es freilich auch, und vielleicht noch mehr, auf der Seite der Binger. Würde man bei solchen Heimatbesuchen mit Vorwürfen, mit Anschuldigungen konfrontiert werden? Wie geht man eigentlich mit einem Juden um? Ja, darf man sie überhaupt so nennen? Es ist ja das fortwirkende Erbe des Nationalsozialismus, dass wir jüdischen Menschen, die der Generation unserer Urgroßväter so vertraut waren, dass manche Familien Weihnachten und Chanukka sogar gemeinsam feierten oder man sich jedenfalls einen Festbesuch am Ende des Jahres abstattete, dass wir diesen Menschen heute mit Fremdheit – und möglicherweise sogar einem Stück Angst begegnen. Welche Fragen sind erlaubt? Welche nicht? Womit verletzt man einen Juden? Womit macht man ihm eine Freude? Die Begegnungen mit den „alten Bingern“ bei einer Tasse Kaffee oder auch einem Glas Wein haben gezeigt, dass Befangenheit zu überwinden ist – und wir uns gegenseitig erzählen können, wie das damals war, oder was man von Eltern und Großeltern gehört hatte. Vielleicht konnte man bei solchen Gesprächen sogar an den Kern herankommen: das Gefühl gemeinsamer Trauer, gemeinsamen Verlustes, einer Kultur, die gerade in ihrer Mischung so reich und befruchtend war.