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Artikel von Trautmann

Pogromnacht Teil 1
Pogromnacht Teil 2
Pogromnacht Teil 3

Erinnerungen an die Pogromnacht 1938

Verhältnis der Gensinger zu jüdischen Mitbürgern
von Karl-Heinz Trautmann   - Teil 1

Wie damals üblich, fuhr ich als noch 16jähriger Schüler am 10. November 1938 um 7.11 Uhr ab Gensingen mit dem Zug nach Bingen, wo wir um 7.30 Uhr ankamen. Vom Bahnhofsvorplatz aus war schon eine hohe dunkle Rauchsäule zu erkennen, deren Ursache wir gar bald erfahren sollten.

Auf dem Weg durch das Leitergäßchen zum Gymnasium standen wir in der leicht ansteigenden Rochusstraße nach kurzer Zeit vor der stark rauchenden Synagoge. Wer sie in Brand gesteckt hatte, war nun auch zu erkennen, da aus ihren Fenstern im oberen Stockwerk einige junge Männer in Zivilkleidung — vom jüdischen Gebetsmantel umkleidet und mit Zylindern auf dem Kopf —kultische Gegenstände der jüdischen Gemeinde in den Hof oder auch auf die Straße warfen. Später wurde erzählt, daß diese jungen Männer als SA-Leute aus Offenbach und Frankfurt kämen, während die hiesigen SA-Männer dort tätig geworden seien. Außer der Rauchsäule waren nach meiner Erinnerung keine weiteren starken Brandmerkmale in der Synagoge zu erkennen.

Totale Verzweiflung
Zuschauer waren eigentlich nur wir Schüler auf dem Weg zu unserer Schule in der Eiselstraße. Aber einen Mann werde ich nicht vergessen. Es war einer unserer Gymnasiallehrer, Dr. Johannes Kohl, der in einem Nachbargebäude oberhalb der Synagoge wohnte und mit einem total verzweifelten Gesichtsausdruck, tief erschüttert, mit zusammengeballten Fäusten, leise vor sich hinsprechend immer wieder an der Synagoge vorbei die Rochusstraße hin und her schritt. Er verkörperte wohl symbolisch die Mehrheit der Bevölkerung, die sich dieser Barbarei empört schämte.

Im Gymnasium angelangt, herrschte eine zum Teil aufgeregte, zum Teil auch sehr bedrückte Stimmung und Atmosphäre unter den Lehrern und Schülerschaft. Die beiden jüdischen Mitschüler aus meiner Klasse, Kurt Koppel aus Bingen und Günter Herz aus Bingerbrück, waren nicht mehr erschienen. Es hieß, sie seien nach Mainz oder Frankfurt gebracht worden, wo sie als Straßenreiniger tätig sein müßten. Von Kurt Koppel ist mir später nach dem II. Weltkrieg bekannt geworden, daß er mit seinen Eltern in Theresienstadt umgekommen ist, während Günter Herz nach Amerika entkommen konnte und heute in Stockholm (Schweden) wohnhaft sein soll.

Mit traurigem Blick...
In diesem Zusammenhang erinnert mich an Kurt Koppel noch ein persönliches Erlebnis, als unser Lateinlehrer, Dr. Ertel, einige Monate vorher eine Lateinarbeit zurückgab und dabei die Frage stellte, wer dem erkrankten Kurt Koppel, der mit seinen Eltern in der Synagoge (Wohnung im Erdgeschoß) wohnte, das Arbeitsheft abgeben wolle. Keiner der Klassenkameraden meldete sich. Darauf sah Dr. Ertel mich an und meinte: „Trautmann, Du gehst doch nachher zum Bahnhof und kommst dabei durch die Rochusstraße". Nunmehr erklärte ich mich bereit, das Heft mitzunehmen und abzugeben. Als ich an der Synagogentür die Klingel betätigt hatte, konnte ich beobachten, wie Frau Koppel den Fenstervorhang ihrer Wohnung bewegte und nach draußen schaute. Nachdem sie mich erkannt hatte, öffnete sie die Tür und nahm mit traurigem Blick und mit zitternder Hand das Heft entgegen.

Klassenbild der Sexta des Gymnasiums Bingen im Schuljahr 1932/1933; in der unteren Reihe ganz rechts Kurt Koppel aus Bingen; 2. von links Günter Herz aus Bingerbrück