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Artikel von Trautmann

Pogromnacht Teil 1
Pogromnacht Teil 2
Pogromnacht Teil 3

Erinnerungen an die Pogromnacht 1938

Verhältnis der Gensinger zu jüdischen Mitbürgern
von Karl-Heinz Trautmann  - Teil 2

Eingeschlagene Schaufenster in Bingen
Nach Beendigung des Schulunterrichts am 10. November 1938 meinten einige Mitschüler: „Wir gehen jetzt in die Stadt und sehen nach, was in den jüdischen Geschäften los ist." Vor allem das jüdische Kaufhaus „Münzner" in der Kapuzinerstraße wollte man erkunden, weil in diesem sogenannten Allerweltsladen alle brauchbaren Gegenstände für das tägliche Leben zu erhalten waren. Dort angekommen, bot sich mir ein schrecklicher Anblick: eingeschlagene Schaufenster, Glassplitter auf der Straße, die seitherigen Verkaufsartikel zerstreut auf dem Boden oder sogar auf der Straße liegend, einige jüdische Frauen verzweifelt weinend auf den Treppen im Innern des Kaufhauses sitzend, Menschen, die kopfschüttelnd vorbeigingen, aber auch junge Leute, die sich der zerstreut liegenden Artikel bedienten.

Ich selbst bewegte mich schleunigst zum Bahnhof, um nicht den Zug nach Gensingen zu versäumen. Als ich etwa um 14 Uhr in der Römerstraße ankam, beobachtete ich einige Gensinger Leute in der Einmündung zur Kirchstraße stehend, die mit empörter und böser Miene vor sich hin schimpften — darunter befanden sich auch die beiden Lehrer Fach und Singer. Ich begab mich zum Hoftor des schräg gegenüber liegenden Gebäudes Ecke Römerstraße/Hahngasse, in dem Max und Rosa Simon wohnten und eine Kohlehandlung betrieben. Max Simon verließ gerade einen Kohlenkeller und betrat seinen Hof vor dem Wohngebäude. Dabei mußte ich erkennen, daß er an der Stirn eine leicht blutende Kopfwunde trug und voller Verzweiflung um sich schaute.

Aus den Fenstern der Wohnung im oberen Stock warfen junge Leute Teile von Bettwäsche, von Bestecken und anderen Hausgerätschaften auf die Straße. Als ich schließlich zu Hause in der Kirchgasse angelangt war, befand sich dort Rosa Simon sehr aufgeregt und leise weinend im Gespräch mit meinem Vater, dem damaligen evangelischen Gemeindepfarrer Wilhelm Trautmann.

Max und Rosa Simon zogen im April 1939 nach Mainz um. Beide wurden in das KZ Theresienstadt gebracht Max Simon ist hier umgekommen, während seine Frau Rosa gesund zurückkehrte und noch einige Jahre im jüdischen Altersheim in Mainz verbrachte.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurde von Parteileuten das Wirtschaftsgebäude (Kellerei) der Familie Edmund Simon abgerissen, die schon einige Jahre vorher nach Bingen verzogen war, aber weiterhin ihre Weinhandlung in Gensingen betrieb. Dieses Gebäude befand sich auf der heutigen Zugangsstraße Alzeyer Straße Langgasse. Das Wohnhaus, das damals von einer Gensinger Familie bewohnt war, befand sich nördlich direkt neben der abgerissenen Kellerei und wurde in späteren Jahren zur heutigen Raiffeisenkasse — jetzt Mainzer Volksbank — umgebaut.