. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Artikel von Trautmann

Pogromnacht Teil 1
Pogromnacht Teil 2
Pogromnacht Teil 3

Erinnerungen an die Pogromnacht 1938

Verhältnis der Gensinger zu jüdischen Mitbürger
von Karl-Heinz Trautmann  - Teil 3

Die Gensinger „Judenschule"
Begeben wir uns in das Hinterhaus der Langgasse 18, wo sich die jüdische Gottesdienststätte befand, von der Gensinger Bevölkerung nicht „Synagoge" sondern „Judenschule" genannt. Die inzwischen verstorbene Frau Emilie Christ, die damals in unmittelbarer Nachbarschaft zur „Judenschule" wohnte, berichtete mir bei einem Gespräch über die Juden in Gensingen, daß in dem Gebäude unmittelbar vor der jüdischen Gottesdienststätte in jenen Novembertagen des Jahres 1938 ein Mann schwerkrank daniederlag (er starb am 23. November). Als einige ihr unbekannte Männer in die „Judenschule" eindringen wollten, habe sie ihnen diesen Tatbestand mitgeteilt. Nachdem sie sich von der Richtigkeit überzeugt hatten, seien sie wieder abgezogen. Im übrigen ist anzumerken, daß sich das jüdische Gebäude schon damals in einem sehr schlechten baulichen Zustand befand. Die letzte jüdische kultische Handlung darin sei eine Hochzeit schon vor dem Ersten Weltkrieg (etwa 1910) gewesen.

Im Lager umgekommen
In bester Erinnerung ist mir noch die Familie des Metzgermeisters Max Weiß (Ehefrau Bertha, geborene Lahm), die damals in der Langgasse 6 wohnte und ihre Metzgerei betrieb. Die Familie hatte vier Söhne, die in der Zeit von 1924 bis 1933 zur Welt gekommen waren. Das Metzgergeschäft durfte auch noch während der ersten Jahre der Judenverfolgung weitergeführt werden, und gar manche Gensinger Familie bezog auch noch ihr Rindfleisch von Max Weiß. Dazu gehörte auch meine Mutter. Das Fleisch wurde an einem Tag in der Woche, allerdings erst bei Dunkelheit (vor allem während der Sommermonate) von einem der Söhne der Familie per Fahrrad ins Haus gebracht. Die Tasche wurde dann, mit Obst und dergleichen gefüllt, wieder mit zurückgegeben. Die Familie Weiß blieb noch bis 1939 in Gensingen wohnen und ist dann nach Mainz umgezogen. Die gesamte Familie ist in einem Lager umgekommen.

Jüdische Musik
Abschließend möchte ich auf einen Zeitungsartikel vom 13. November 1996 anläßlich jüdischer Musik in der Gensinger Martinuskirche aufmerksam machen, in dem es hieß: „Auch in unserem Dorf haben Menschen zugeschaut, wie Juden in der Römerstraße zusammengepfercht und abtransportiert wurden." Hiervon ist mir absolut nichts bekannt, zumal ich damals in der Kirchstraße, einer kleinen Nebenstraße der Römerstraße, wohnte. Die meisten Gensinger Juden waren schon etliche Jahre vorher weggezogenen — meistens nach Amerika —, die noch verbliebenen gingen zum größten Teil nach Mainz.

Der weitaus größte Teil der Gensinger Einwohner war nicht judenfeindlich gesinnt; man hatte ja viele Jahrzehntelang mit den jüdischen Familien in der bäuerlichen Dorfgemeinschaft zusammengelebt. So war es auch eine Bauersfrau die im Ort „des Gebhard's Lies'che" genannt wurde, (dann verheiratete Hessert) und in der Römerstraße wohnte und hier nach der Pogromnacht laut schimpfte über die Schande, die da geschehen sei. Sie wurde von anderen Dorfbewohnern unterstützt, aber auch beruhigt.

„Volksverräter und Judenknecht"
Ausgerechnet in der Römerstraße/Ecke Kirchstraße befand sich damals schon einige Jahrzehnte das Gensinger Rathaus. Von 1934/35 an war an seiner Vorderfront ein rechteckiges schwarzes Brett befestigt worden, auf dem nun Gensinger Bauern vorgeführt wurden, die noch mit Juden Viehhandel betrieben hatten. So war zum Beispiel zu lesen: „Jakob Reichert ist ein Volksverräter und Judenknecht". Dieser Mann suchte bitter weinend Trost beim Gemeindepfarrer und betonte immer wieder, während des Ersten Weltkrieges vier Jahre lang als Soldat für das Vaterland an der Front gestanden zu haben und nun ein Volksverräter sein solle. Soweit mir bekannt ist, standen auch die Bauern Anton Kilz, Johann Bretz V. und Adam Gebhard auf dem schwarzen Brett.

Diese letzten Aussagen sind ein triftiger Beweis dafür, daß der weitaus größte Teil der Gensinger Einwohner absolut nicht judenfeindlich gesinnt war und sich auch über die schrecklichen Maßnahmen während der „Reichskristallnacht" sehr empört zeigte.