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1998: Jüdisches Bingen - Pogrom nach 60 Jahren

von Beate Götz

erschienen in SACHOR, Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, 8. Jahrgang, Ausgabe 2/98, Heft Nr. 16, ISSN 0940-8568

Wie aus angesehenen Bürgern Verfolgte wurden...

Wie konnte es zu diesen ungeheuerlichen Übergriffen in der "Reichspogromnacht" kommen? Hatten doch die deutschen Juden im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert bis zur Machtergreifung Hitlers ihren festen Platz in Staat und Gesellschaft. Sie waren auch in Bingen anerkannte Ärzte, erfolgreiche Anwälte und wohlhabende Unternehmer und Kaufleute.
In Briefen ehemaliger Binger Juden kommt immer wieder zum Ausdruck, daß die Mitglieder der jüdischen Gemeinde bis 1933 regen Anteil am kulturellen Leben der Stadt sowie allen frohen und ernsten Ereignissen nahmen. Binger Juden waren gerngesehene Mitglieder in Vereinen, gehörten den Freimaurern an, waren aktive Feuerwehrleute, fungierten als Kunst- und Kulturmäzene und zeichneten sich durch Stiftungen zu wohltätigen Zwecken aus. Die bedeutendste Stiftung, von der Stadtgemeinde verwaltet, machte Samuel Friedberg 1876 zugunsten der Armen aller Bekenntnisse. Sigismund Fridbörig war lange Jahre Vorsitzender der jüdischen Gemeinde und 1831 Mitglied des Stadtrats. Im Jahr 1898 wurde dem angesehenen Binger Arzt Dr. Isaac Ebertsheim die Ehrenbürgerwürde verliehen. Ida Dehmel Coblenz, die Gründerin der deutsch-österreichischen Künstlerinnenvereinigung Gedok, war ebenfalls eine Binger Jüdin. Zu den Opfern des Ersten Weltkrieges zählten auch 19 Mitglieder der Binger jüdischen Gemeinde, die als "Deutsche jüdischen Glaubens" ihre Treue zum Vaterland mit dem Leben bezahlten. Im Jahr 1900 lebten 713 Juden in Bingen, das waren 7,4 Prozent der Gesamtbevölkerung, 1933 waren es noch 471 und 1939 nur noch 222 Einwohner jüdischen Glaubens.
Mit Beginn des nationalsozialistischen Regimes und seiner fanatischen Rassenpolitik wurden die Lebensbedingungen für die Juden schwieriger, der Bewegungsspielraum immer mehr eingeschränkt. Es kam zur Ausschaltung der Juden aus dem kulturellen Leben, was bedeutete, daß jüdische Künstler nicht mehr öffentlich auftreten durften, Werke jüdischer Autoren und Komponisten sowie die jüdische Presse verboten wurden.
Die "Nürnberger Gesetze" vom 15. September 1935 boten die Grundlage für alle künftigen antijüdischen Gesetze und Verordnungen. Das "Reichsbürgergesetz" machte den Juden zum Reichsangehörigen im Gegensatz zum nichtjüdischen Reichsbürger mit der Konsequenz, daß nur der Reichsbürger die vollen politischen Rechte besaß. In diesem Zusammenhang wurde auch genau definiert, was der Nationalsozialismus unter dem Begriff "Jude" verstand. Das zweite Rassengesetz, das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre", verbot unter Strafe die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden.
Hatte schon sehr früh die allmähliche Ausschaltung der Juden aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens begonnen, so wollte man auf den enormen Beitrag der jüdischen Geschäftsleute zur deutschen Wirtschaft vorerst noch nicht verzichten, weshalb sich viele Kaufleute noch lange in Sicherheit wähnten. 1937 setzte die zwangsweise Arisierung jüdischer Unternehmen verstärkt ein, was bedeutete, daß jüdisches Eigentum oft weit unter dem tatsächlichen Preis den Besitzer wechselte. Im Frühsommer 1938 folgte eine Verordnung, die die Juden zwang, ihr Vermögen, wenn es 5000 Reichsmark überschritt, anzuzeigen; jüdische Gewerbebetriebe mußten angemeldet und als solche gekennzeichnet werden. Im Juli und September wurden den jüdischen Ärzten die Approbation und den jüdischen Anwälten die Zulassung ihrer Kanzleien entzogen.
Mitmenschliche Kontakte zwischen Juden und Nichtjuden, bislang Normalität, wurden immer schwieriger oder fanden im Geheimen statt. Bei Juden durfte nicht mehr eingekauft werden, auch wurde 1936 die Rassentrennung in allgemeinen Schulen verordnet, was aber nicht überall konsequent durchgeführt wurde. Eine Binger Jüdin, die zuvor das Lyzeum in der Rochusstraße, die staatliche Oberschule für Mädchen, besucht hatte, wechselte Ostern 1937 ins Philanthropin nach Frankfurt, "da der Antisemitismus im Lyzeum zu groß wurde". Einem anderen Schüler teilte man nach erfolgreichem Abschluß der Quarta am Binger Gymnasium mit, daß hier kein Platz mehr für ihn sei; er wechselte zur Berlitz Schule nach Mainz und lernte Englisch und Spanisch. Auch ein junger jüdischer Gärtnerlehrling verließ 1935 seine Familie und Bingen und ging nach Palästina, da ihm sein Lehrherr unmißverständlich zu verstehen gegeben hatte, daß es für seine weitere Ausbildung keinerlei Aussichten mehr gebe.
Die Tatsache, daß Marianne Nathan bis November 1938 mit noch zwei anderen jüdischen Mädchen die Quinta des "Institut St. Mariä" (Vorgängerschule der heutigen Hildegardisschule) besuchen konnte, erklärt sich daraus, daß das Institut als private Schule der Maria Ward-Schwestern noch gewisse Privilegien genoß, bevor zu Ostern 1939 die Auflösung aller Privatschulen angeordnet wurde. Aber auch hier mußten bestimmte Rituale eingehalten werden, um peinlichen Untersuchungen durch die Nationalsozialisten zu entgehen. In der Schulchronik aus dieser Zeit heißt es: "Flaggenhissung fand regelmäßig zu Beginn und Schluß eines Schulzeitraumes statt. Reihenfolge: Die Direktorin oder ein Mitglied des Lehrkörpers sprach kurz und brachte das "Heil" auf Führer und Vaterland aus. Eine Schülerin sagte einen Spruch auf. Es folgte das Kommando "Heißt Flagge!" oder "Holt Flagge!". Alle grüßten mit erhobenem Arm. Deutschland- und Horst-Wessel-Lied, je die erste Strophe, mit erhobenem Arm." Schülerinnen, die wegen ihrer familiärbedingten regimekritischen Einstellung den Hitlergruß nachlässig ausführten, wurden gerügt und auf mögliche Konsequenzen hingewiesen; es gab ja schließlich auch Töchter aus sehr linientreuen Elternhäusern am Institut, die solche Vorkommnisse unter Umständen melden konnten.
Die Stimmung in der Bevölkerung war beklemmend, und man war sehr auf der Hut, was man wem anvertraute; man fürchtete die Denunzianten.

Dieses Foto zeigt das ganze schreckliche Ausmaß der Zerstörung der Binger Synagoge vor 60 Jahren. Bild: Günter Kleinz

Somit war auch in Bingen der Boden bereitet, daß es im Anschluß an diese Veranstaltung zu antijüdischen Demonstrationen in der Stadt kommen konnte. Ein Feuer, das noch in derselben Nacht in der Synagoge in der Rochusstraße gelegt worden war, konnte durch den Synagogendiener gelöscht werden. Am Nachmittag des 10. November jedoch drangen SA-Leute und fanatische Nazianhänger erneut in die Synagoge ein, verwüsteten die Inneneinrichtung, zerstörten die Orgel und schlugen am Portal die Köpfe der steinernen Löwen ab. Dann wurde die Synagoge in Brand gesteckt, die Feuerwehr zwar alarmiert, aber sie verhinderte nur, daß das Feuer auf die benachbarten Häuser übergriff. Die Synagoge brannte völlig aus. In der Innenstadt wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet und geplündert.
Am 11. November faßten der "Mittelrheinischer Anzeiger" und die "Rhein-Nahe-Zeitung", wie überall im Reich, die ungeheuerlichen Ereignisse in nahezu gleichlautende Worte wie "gerechter Zorn des Volkes, starke Erregung und Empörung der Bevölkerung, gewaltige Protestdemonstrationen gegen den feigen Mord in Paris", verbunden mit der Forderung nach Entfernung aller Juden aus Deutschland.
Der gesteuerte Pogrom, der von langer Hand vorbereitet worden war (etwa Kennzeichnung der jüdischen Geschäfte, im Juni zusammengestellte Verhaftungslisten im Polizeipräsidium Berlin und die im Juli angeordnete Erweiterung der Konzentrationslager Sachsenhausen und Buchenwald), wurde in der gleichgeschalteten Presse als spontane Reaktion der Bevölkerung auf das jüdische Attentat in Paris dargestellt und somit die Verantwortung für das Geschehen dem deutschen Volk zugeschoben.
Die "Rhein-Nahe-Zeitung" auf der Binger Seite dazu: "Bei der Durchsuchung verschiedener Wohnungen und Geschäfte stieß man bezeichnenderweise auf große Vorräte an Eiern, Butter. Schmalz und so weiter. Im Laufe des gestrigen Tages brannte die hiesige Synagoge ab. Damit hat die Hochburg des Binger Judentums ihr Ende gefunden." Auch die kleine Synagoge der orthodoxen Gemeinde in einem Wohnhaus in der Amtsstraße 13 wurde zerstört. Man hatte die jüdischen Gemeinden an ihrer empfindlichsten Stelle getroffen, ihnen die letzte Zufluchtsstätte genommen.
Ein ehemaliger Binger, der heute in Südamerika lebt, stellt dar, was er damals empfand: "Es muß wohl Anfang des Jahres 1939 gewesen sein, als es einer kleinen Gruppe jüdischer Mitbürger erlaubt wurde, die ausgebrannte Synagoge in der Rochusstraße zu besuchen, wohl um zu sehen, ob noch irgendwas vorhanden war. Ich befand mich unter diesen paar Leutchen, die verängstigt die Tür aufmachten. Der Eindruck war unbeschreiblich und ist mir bis zum heutigen Tag in ewiger Erinnerung geblieben. In den Räumen, die durch die Umstände erzwungen zu unserem zweiten Heim geworden waren, waren nur noch verkohlte Wände, zerhackte Möbel und in Feuchtigkeit schwimmender Unrat und verkohlte Reste des einstigen Mobiliars. Wenn man den Blick erhob, sah man anstatt der früheren Kuppel den blanken Himmel. Wo wir an den Feiertagen in erhobener Stimmung unsere Gebete gesagt hatten, wo einst über 60 Thora-Rollen, eine recht beträchtliche Anzahl für so eine kleine Gemeinde, gestanden hatten, war nun eine ganze Epoche und Tradition brutal zerstört worden. Wir wußten darum und empfanden, daß uns der Boden von unseren Füßen gezogen war. Es war das Ende."