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1998: Jüdisches Bingen - Pogrom nach 60 Jahren

von Beate Götz

erschienen in SACHOR, Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, 8. Jahrgang, Ausgabe 2/98, Heft Nr. 16, ISSN 0940-8568

Was aus den Synagogen und Kultgegenständen geworden ist

Immer wieder wurde die Frage nach dem Verbleib von Kultgegenständen der als sehr wohlhabend geltenden Binger jüdischen Gemeinde gestellt. Einem Zeitungsartikel des "Neuer Mainzer Anzeiger" vom 16. April 1946 zufolge soll das städtische Museum einige Gegenstände sichergestellt haben, die dann später in den Besitz der Kriminalpolizei übergegangen sein sollen. Weder im Stadtarchiv noch bei der Polizei gibt es Aktenvermerke, die Hinweise geben könnten. Hier scheint man, als das Ende des "Tausendjährigen Reiches" sich immer mehr abzeichnete, genauso gründlich die Spuren beseitigt zu haben, wie dies in Vereinschroniken und im Berichtsheft der Feuerwehr geschah, wo ganze Seiten fehlen, die über Geschehnisse dieses Zeitraums Aussagen machen könnten.
Die heutige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Mainz, Esther Epstein, deutet zwei weitere Möglichkeiten an: Zum einen sei bekannt, daß die Nationalsozialisten nach 1938 in Prag ein "Museum für entartete jüdische Kunst" geplant hatten, wohin viel Material gebracht worden sei. Zum anderen tauchten bis heute noch bei Antiquitätenhändlern jüdische Kultgegenstände auf, die aus privaten Plünderungen stammten und die die jüdischen Gemeinden, wenn sie davon Kenntnis erhalten, zurückkaufen. Auch sei es kein Geheimnis, daß bei Juwelieren Tafelsilber aus ehemals jüdischem Besitz umgraviert wurde. Als sicher gilt, daß eine Mainzer Thora aus Bingen stammt; sie ist seitlich signiert. Die Mainzer jüdische Gemeinde verwendet sie beim wöchentlichen Gottesdienst. Die beiden wertvollsten Stücke, die 1905 vor dem Verkauf der alten Synagoge dort entfernt und in eine Wand der neuen Synagoge eingebaut worden waren, befinden sich heute im Bezalel-National-Museum in Jerusalem. Es handelt sich zum einen um eine zweiflügelige eiserne, mit hebräischen Schriftzeichen versehene Eingangstür, die nach dem Synagogenbrand von 1789 von dem Gemeindevorsteher Chajim bar Aron Friedburg als Weihegeschenk dem wiederaufgebauten Gotteshaus gestiftet worden war. Sie war in die Südwand der alten Synagoge eingelassen, da der Zugang zur damaligen Synagoge durch ein der Gemeinde gehörendes Wohnhaus in der Judengasse (heute Rathausstraße) führte. Auch die 80 mal 70 Zentimeter große Rosette aus rotem Sandstein aus derselben Zeit war an der Südseite der alten Synagoge eingelassen. Solche Steinrosetten waren, so Rabbiner Grünfeld, in fast allen Vorhöfen kleinerer Gotteshäuser in Rheinhessen vorhanden und dienten als Traustein. Bis 1832 fanden in Bingen an dieser Stelle unter freiem Himmel die Trauungen statt. Zwischen den acht Strahlen der Rosette stehen acht hebräische Buchstaben für die Anfangsbuchstaben eines bei Trauungen zitierten Prophetensatzes. Unterhalb des Sternes befinden sich zwei Füllhörner, die Symbole des Glücks und des Segens darstellen; auch auf ihnen stehen die hebräischen Anfangsbuchstaben eines Psalmwortes.
Aus einem Briefwechsel der Stadtverwaltung mit unterschiedlichen Adressaten geht hervor, daß diese beiden Relikte 1964 der Stadt Köln als Leihgabe für die im Kölnischen Stadtmuseum ausgerichtete Ausstellung "Monumenta Judaica" übergeben wurden. Noch während der Ausstellungsdauer bat die Mission d'Israel die Stadt Bingen um die "geschenkweise" Überlassung der wertvollen Ausstellungsstücke.
Nachdem die jüdische Gemeinde in Mainz, die treuhänderisch die Angelegenheiten der ehemaligen Binger Gemeinde verwaltet, zugestimmt hatte, wurden Tür und Traustein in den Bestand des National-Museums in Jerusalem aufgenommen. Ein stark beschädigter abgeschlagener Löwenkopf und eine reich verzierte Säule liegen im Eingangsbereich des jüdischen Friedhofs, an der Stelle, wo einst die Trauerhalle stand. Beide Relikte verdienten eine geschützte Unterbringung, um sie vor weiterer Verwitterung zu bewahren.
Die Synagogenreste und das Grundstück waren nach der Zwangsarisierung allen jüdischen Eigentums durch Verkauf an den Binger Winzerverein übergegangen, der zeitweise in dem rechten erhaltenen Gebäudeteil ein "Weinlokal mit Musik und Tanz" unterhielt. Im Rahmen von Ausgleichszahlungen wurde ein bestimmter Betrag später an die jüdische Gemeinde in Mainz entrichtet, die das Geld in den Aufbau der neuen Mainzer Gemeinde investierte.
1960 ging das Gelände an die Bezirkswinzergenossenschaft über, die 1962 schon an die Stadt Bingen verkaufte. Bereits damals hatte man vor, dort die Freiwillige Feuerwehr unterzubringen, was aber erst 1973 verwirklicht werden konnte. Ob diese politische Entscheidung eine glückliche war, sei dahingestellt, angesichts der Überlegung, daß die Feuerwehren bei den Synagogenbränden eine äußerst umstrittene Rolle gespielt hatten. Auch bringen immer wieder ältere Binger ihren Unmut über die Darstellung des heiligen Florian, des Schutzpatrons der Feuerwehr, auf der Wand neben dem erhaltenen Fassadenteil zum Ausdruck. Die Unkenntnis dessen, was 1938 an dieser Stelle geschah, war vermutlich Grundlage für diesen unsensiblen Fassadenschmuck.