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Lebensbericht Hans Natt

Bis zur Kristallnacht
Nach der Kristallnacht

Lebensbericht von Hans Natt

10.05.1923 - 18.08.2004

Die Zeit bis zur Kristallnacht

Als Sohn der Eheleute Fritz und Else Natt, Langenlonsheim wurde ich 10.05.1923 dorten geboren. Ich war einziger Sohn, von Hause sehr behütet doch die Macht von Adolf Hitler zerstörte alle Pläne meiner Eltern. Mein Vater hatte eines der größten und angesehensten Weingeschäfte der damaligen Zeit, Weinhandlung, Weinkommission und eigene Kelterei.
Mein Vater weihte mich schon früh in das Geheimnis ein, dass man aus Trauben Wein machen konnte und als junger Bursche begleitete ich ihn schon auf den verschiedensten Wegen.
So war ich auf den Versteigerungen der Fa. Espenschied-Heuss, der Domäne Schlossböckelheim und bei hiesigen Kunden wie Starkenburger Hof, Karl Hassemer, Kommerzienrat Fromm, heute Weigand, Philipp Schmidt u.a.
Unsere Familie war seit dem 17. Jahrhundert in Langenlonsheim ansässig, alle Mann waren im Weingeschäft tätig und so sollte auch ich das Geschäft weiterführen, nach einem Aufenthalt von 6 Monaten in London, Bordeaux und einem Jahr in New York, doch das 1000 jährige Reich wollte es anders.
Ich absolvierte die Volksschule in Langenlonsheim, wo Lehrer Sitzius, der spätere Ortsgruppenleiter, schon ein Auge auf mich hatte. Später, bei Lehrer Lövenstein, musste ich diesen immer mit erhobenem Arm, dem Hitlergruss begrüßen.

Da die Schwester meines Vaters hier in Bingen verheiratet war, wollten meine Eltern, dass ich hier in Bingen auf die Realschule gehen soll. Dies war aber nicht möglich, die Bestimmungen der NSDAP waren, dass nur ein kleiner Prozentsatz Juden die Schule besuchen könnten und die Quote der Realschule war erschöpft. So kam ich auf das Gymnasium, Mitschüler waren Admiralarzt Dr. Richardz, Hans Gegner, Dr. Herbert Wantzen, Dr. Heinz Dahlem, Dr. Ingo Diel, Ferdinand Goossens, um nur einige zu nennen. Nach bestandener Quarta machte man mir die Mitteilung, dass als Jude kein Platz mehr auf dem Gymnasium für mich wäre. Daher beschlossen meine Eltern, mich auf die Berlitz Schule nach Mainz zu senden, um englisch und spanisch zu lernen.

Die Anfangsjahre von 1930 vergingen, viele Bekannte wanderten aus, mein Vater aber vergrößerte den Betrieb, er glaubte nie an ein solches Ende, es gibt noch heute Männer in Langenlonsheim, die bei uns gearbeitet haben.
Ich brauche nicht zu betonen, wie viel Peinigungen, seelischen Qualen ich auf dem Wege von Langenlonsheim nach Bingerbrück ausgesetzt war. Dann ging ich zu Fuss zum Gymnasium Bingen, doch mein Vater holte und brachte mich sehr oft mit dem Auto, wenn die Anpöbelungen zu viel waren. Deshalb bin ich auch immer 1. Klasse in der Bahn gefahren, um mich etwas zu schützen.
Vor der SA gab es den Arbeitsdienst, eines Tages wurde Haussuchungen von diesen bei uns gemacht. Im Bücherschrank vom Kontor waren Bücher wie unser Hindenburg, der alte Fritz, dann, im Schlafzimmer hing die eigene Uniform meines Vaters, er war von 1914-18 bei den 11. Ulanen, Graf Heseler, weiter war da noch die eigene Uniform des älteren Bruders meines Vaters, das ganze Regiment wurde 1914 gleich aufgerieben und so entschuldigte man sich, Sie sind nationaler wie wir.

1935/36 kannte ich schon meine Frau, ihre Schwester war mit unserem nächsten Nachbarn verheiratet, Sylvester 1936/37 feierten wir zusammen. Es war damals schon sehr viel Sympathie, doch wir waren ja noch junge Menschen und es kam zu keiner „Rassenschande“.

Im Jahre 1937 kelterte mein Vater zum letzten Male, die SA hat den Verkehr geregelt, dass die Bauernwagen direkt zu uns fahren konnten. Die Wagen mit Maische wurden zuerst gewogen, ich kletterte auf die Wagen und habe Öchsle gemessen, wie auch gezählt, wie viele Lehlen gemahlener Trauben aus der Bütte kamen. Nach dem Herbst hat die SA-Kapelle meinem Vater ein Ständchen gebracht und die Leute bekamen für zwei Wochen die Uniform verboten, weil sie dem Juden ein Ständchen brachten. Noch damals kaufte mein Vater die Existenzen der Domäne Schloßböckelheim auf, er wurde gefilmt, kam ganz groß in den Stürmer, „der Weinjude Natt lacht, er hat allen Grund zum lachen, sein Geschäft geht noch immer gut“. Herr Höffler, der Ortsbauernführer, kolaborierte mit meinem Vater, telefonierte mit dem Reichsnährstand, Berlin, wir haben hier Fritz Natt, er übernimmt die ganze Ernte.

So kam die Kristallnacht 1938, im Kontor wurde der Fensterladen hochgehoben, Scheiben eingeschlagen und die Meute war im Hause. Sie kamen mit den Worten „bis heute haben wir euch nichts getan, doch jetzt müssen wir von Rath rächen“. Vom Speicher bis zum Keller wurde alles kurz und klein geschlagen, wir mit, so zog man meine Mutter an den Haaren aus dem Bett und warf sie die Treppe hinunter. Am nächsten Tage kam das Rollkommando von Kreuznach und erledigte, was noch zu erledigen war. Anschließend kam der Mob ins Haus und es wurde gestohlen, was nur möglich war. So hatte zum Beispiel die Frau des früheren Friseurs von Langenlonsheim ein Bild mitgehen lassen. Diese Frau wohnte später hier im Altenzentrum St. Martin, in ihrem Zimmer hing das Bild. Von einem anderen Langenlonsheimer hatte ich davon erfahren, ließ das Bild holen und die alte Dame sagte dann, ich hätte mich nicht einmal bedankt, dass ich dieses Bild bekam. Es ist das einzige Erinnerungsstück, was ich von zu Hause besitze.

Früh morgens, nach der Kristallnacht, kam unser Hausarzt, Herr Sanitätsrat Dr. Christ mit Sohn Walter, und als er den ganzen Chaos sah, sagte er „ich schäme mich zum ersten Male ein Deutscher zu sein“. Um 7 Uhr kam die Polizei, nahmen meinen Vater und Onkel mit ins Gefängnis nach Kreuznach und von dorten ging der berühmte Judenzug nach Dachau. Meine Mutter rief dann die Firma Auto-Staiger an in Bingerbrück, dorten wurde unser Auto immer gewartet, er kam sofort und wir sind mit unserem Auto nach Mainz gefahren. Dorten war die Aktion noch in vollem Gange, unser Mädel fuhr mit dem Zug nach Dierdorf zu den Eltern, meine Mutter und ich nahmen ein Taxi und wollten nach Frankfurt, zu meinem Onkel, Dr. Hugo Natt. Auf halbem Wege wurden wir angehalten, es war SS und man untersuchte die Autos nach fliehenden Juden. Ich trug damals schon lange Hosen, war ganz gut gebaut, meine selige Mutter sah sehr gut aus und so kamen die Schergen an unser Auto, mit dem Gruß Heil Hitler. War es Eingebung, war es Dummheit, ich antwortete in gleicher Form Heil Hitler und so sagte man uns, bitte fahren Sie doch weiter! Welche Aufregung damit verbunden war brauche ich Ihnen nicht zu sagen, es war kein Husarenstück von mir, es ging um Leben und Tod und war eine große Nervenprobe gewesen. Wir waren kaum in Frankfurt, stürzte das Dienstmädel meines Onkels ins Zimmer, Herr Doktor, eben werden alle Juden auf der Straße verhaftet. Mein Onkel sagte, hier ist keine Bleibe für Euch und wir sind nach Mainz zurückgefahren, mein Onkel steuerte das Auto. In Mainz sind wir in das Eisenbahnhotel gefahren, der Besitzer war ein Herr Jakobi, Angestellter der Fa. Sichel, und so kannte er meinen Vater. So kamen meine Mutter und ich unter, und waren gut versteckt.

Von Mainz aus war meine Mutter verschiedentlich in Langenlonsheim, denn das Haus musste nach Anordnungen der NSDAP so aussehen als sei nichts geschehen. So wurden Fenster eingesetzt, Rolladen repariert, und drei Pferdewagen Glas und Porzellanscherben aus dem Hause gefahren.