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Lebensberich Hans Natt

Bis zur Kristallnacht
Nach der Kristallnacht

Lebensbericht von Hans Natt

10.05.1923 - 18.08.2004

Die Zeit nach der Kristallnacht

Zu dieser Zeit gab es zwei Auswanderungsmöglichkeiten, Bolivien oder Shanghai. Die Gestapo telefonierte jeden Tag, wann wandern Sie aus und so ist meine Mutter zum Konsulat gefahren, um das entsprechende Visum zu erhalten. In Anbetracht der Umstände erhielt sie es, wie auch einen Brief nach Dachau, mein Vater und Onkel müssten sofort entlassen werden zwecks Auswanderung, was auch geschah. Das KZ Dachau war Ende 38 nicht was es in späteren Jahren war und mein Vater und Onkel kamen zurück.

Nach der Rückkehr meines Vaters schluckte die damalige Spar- und Darlehenskasse unser ganzes Anwesen für RM 17.500.- oder 19-500.-, ich weiß es wirklich nicht mehr. Es war ein weiteres Verbrechen, doch die Gestapo mahnte jeden Tag zur Auswanderung. Auf einem holländischen Frachter belegten wir Passage, kurz vor der Ausfahrt wurde uns gesagt, dass das Schiff ausfallen würde. So haben sich meine Eltern mit dem Reisebüro-König in Kreuznach in Verbindung gesetzt und wir erhielten eine vierer Kabine auf der Patria. Nachdem mein Vater und Onkel von Dachau kamen, wohnten wir hier in Bingen, bei der Schwester meines Vaters, die dann mit 49 Jahren in Lublin umgekommen ist. Auch meine Großmutter, eine gebürtige Langenlonsheimerin, wurde mit 73 Jahren mit einem der letzten Transporte nach Theresienstadt geschickt.

Am 17. Juni 1939 sind wir dann mit der Patria ausgefahren, via Panama-Kanal. In Arica-Chile wurden wir dann ausgebootet und sind mit dem Zug, es war kein Intercity, nach Bolivien gefahren. Eine schwierige Fahrt, vom Meeresspiegel auf 3,600 Meter Höhe. In La Paz erledigten wir unsere Papiere und sind nach Cochabamba gefahren, denn es wurde uns gesagt, diese Stadt liege nur 2.600 Meter. Da wir mit 10.- Mark in der Tasche losgeschickt wurden, musste man sich sofort nach einer Arbeit umsehen, denn Sozialamt oder Hilfsverein gab es zu der Zeit nicht. Mein Onkel fing als Kellner an, mein Vater eröffnete in dem gleichem Lokal eine Garderobe, meine Mutter verkaufte Apfelsinen und Zitronen und in dem gleichem Lokal wurden abends Zigaretten, Blumen, Kuchen verkauft. Ich fing in einer Möbelfabrik als Polsterer an und kam dann später in das Büro, da ich die Landessprache konnte.

Die Umstellung war natürlich enorm, mein Vater verkraftete nie, auf diese Weise Haus, Hof, Vermögen verloren zu haben, meine Mutter hatte ständig mit Blutdruck zu tun, da auch sie unser Leben in Langenlonsheim nicht vergessen konnte. Es stellten sich viele Krankheiten ein und wenn auch die Menschen in Bolivien sehr hilfreich waren, so konnten sie uns über das wie und warum nicht helfen.

Mein Vater verstarb 1963 am 3. Herzinfarkt, meine Mutter an zu hohem Blutdruck an meinem Geburtstag, im Jahre 1966. Mit dem Bruder meines Vaters habe ich mich nie verstanden, als mein Vater starb hinterließ er in seiner Brillenschachtel einen Zettel - bleibt einig und zusammen, dies war für mich ein Vermächtnis. 1968, wir waren fast 30 Jahre in Bolivien, die ständige Höhe, Krankheiten und geschäftliche Lage waren nicht rosig, sagte mein Onkel zu mir, lass uns nach Israel gehen, was wir auch taten. In den 10 Jahren unseres Aufenthaltes in Israel hatte ich 7 Jahre eine Hautallergie, die mich zwang, das Klima zu wechseln. In Israel war es wunderschön und zu bewundern, was dorten alles geleistet wurde. Nach der Abwicklung in Israel ging mein Onkel in ein Altersheim, wo er gestorben ist. Ich war ein Jahr im Seniorenwohnsitz Humbodthöhe in Vallendar, sehr angenehm und gut, doch nicht für meine Brieftasche geeignet. So wandte ich mich an Herrn Naujack, dem damaligem OB, ich stellte mich vor, in Langenlonsheim geboren, war hier auf dem Gymnasium usw. Herr Naujack setzte sich mit meiner Frau in Verbindung, sie war ja damals die Leiterin des Altenzentrums in Büdesheim und so kamen wir wieder zusammen.

Noch heute habe ich Alpträume und kann die uns widerfahrene Ungerechtigkeit nicht vergessen, angefangen von der Raiffeisenkasse, die sich auf den seinerzeitigen Vertrag stützt, nichts mehr zu zahlen. Wir erhielten in den 50er Jahren eine Nachzahlung von DM 30.000. —, doch dies ist ja in keinem Verhältnis zu dem Objekt, aber von Moral, Anstand und Gewissen scheinen diese Leute nicht viel zu halten. So bat ich auch um eine billige Hypothek, als wir unsere Wohnung kaufen wollten, angefangen von dem damaligen Vorstandsvorsitzenden, inzwischen verstorben, und auch einem anderen Mitglied des Vorstandes hat man es mir 100% zugesagt, aber nichts gehalten hat.

Vor einiger Zeit rief ein Mann aus Bretzenheim an, er hätte das Klavier aus meinem Elternhaus und für DM 1.000.- könnte ich es haben, dem habe ich meine Meinung gesagt.

Auch heute, nach fast 60 Jahren verstehe ich nicht, wie Regierung, Behörden dem Wachsen der rechten Parteien gegenüber stehen, hat man vergessen, welches Unglück über die ganze Welt kam und ist es bestimmt besser ein Feuer zu löschen, bevor ein Brand entsteht.