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"Menschen wie Vieh verladen"

Entnommen:
Aus: Allgemeine Zeitung Bingen, 14.02.2009 "Menschen wie Vieh verladen"

Erstmals belegen Fotos Deportationen in Bingen / Planwagen in den Tode
Von Lena Fleischer

BINGEN. In der Nacht /vom 9. auf den 10. November 1938 geschah Schreckliches, das auch in Bingen Spuren hinterließ und unendliches Leid brachte: Die Nationalsozialisten zündeten die meisten Syna¬gogen in Deutschland an, verwüsteten jüdische Wohnungen und Geschäfte, misshandelten unzählige jüdische Bürger. Die Binger Synagoge in der Rochusstraße ging in Flammen auf.
Knapp vier Jahre später wurden rund 150 Menschen, die in Bingen zu Hause waren, deportiert und in die Konzentrationslager gebracht: Am 20. März wurden 76 Binger nach Piaski-Lublin in Polen transportiert, am 27. September stiegen 68 Menschen in einen Transporter nach Theresienstadt, und am 30. September wurden sechs Binger nach Auschwitz verfrachtet.
Außerdem weiß Beate Goetz, stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises Jüdisches Bingen, die seit 1997 Kontakt zu ehemaligen Binger Juden und deren Nachkommen hält, dass noch einige Menschen ins Ausland geflohen waren, dann aber auch von dort aus in Konzentrationslager verschleppt worden sind.
Goetz und ihre Mitstreiter vom Arbeitskreis halten die Erinnerung an die Greueltaten der Nazis wach, recherchieren und dokumentieren das Schicksal ehemaliger Binger. Eine Dokumentation der Deportationen der Stadt am Rhein-Nahe-Eck indes fehlte bislang.
Bis Günter Kühn, Sohn des Binger Fotografen Karl Kühn, dem Arbeitskreis Fotos zukommen ließ, die genau das zeigen: Menschen, die wie Vieh verladen werden, sich mit Handwagen und dem Hab und Gut, das ihnen geblieben ist, aufmachen zur Hindenburgallee, wo die Planwagen vor der Stadthalle warteten, die sie in den Tod bringen sollten.
„Das ist der Beweis, dass es Deportationen in Bingen gegeben hat. Das war nicht sonstwo, sondern hier bei uns", betont Beate Goetz. Nun könne keiner mehr sagen: Die Juden waren plötzlich einfach alle weg. Zu welchem Zeitpunkt die Fotos von Karl Kühn genau entstanden sind, vermag Goetz nicht zu sagen. Bäume, die keine Blätter tragen, und Menschen, die in lange Mäntel gehüllt sind, könnten auf den Deportationstermin im März 1942 hinweisen, vermutet sie.
Rätsel gibt auch ein viertes Foto aus dem Nachlass Kühns auf, das dessen Sohn dem Arbeitskreis hinterlassen hat. Es zeigt sieben Mädchen, die am Rheinufer stehen, sich an den Schultern fassen und lächelnd in die Kamera sehen. „Jüdische Mitbürgerinnen vor ihrer Abreise aus Bingen", ist auf der Rückseite des Fotos per Bleistift vermerkt. Das hält Goetz jedoch für unwahrscheinlich und sagt: „So viele Mädchen im gleichen Alter wurden eher nicht deportiert." Sie glaubt, die jungen Frauen seien 1920 oder 1921 geboren. „Aber das sind alles Spekulationen", hält Goetz fest. Darum hofft sie, dass die AZ-Leserinnen und Leser Licht ins Dunkel bringen und Angaben zu dem Schnappschuss machen können, dass sie wiedererkennen, wer darauf zu sehen ist.
Wer helfen kann, die Frauen auf dem Bild zu identifizieren, melde sich bei Beate Goetz vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen unter der Telefonnummer (067 21)169 79 oder auch per E-Mail an: beategoe[at]freenet.de