. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Die Spuren enden im Nichts

Else und Moritz Wolff, Sohn des Bauunternehmers Karl Wolff, wollten nach Palästina auswandern, wurden aber 1942 von den Nazis von Mainz nach Polen deportiert.

STOLPERSTEINE
Amnon Lahav will an ungewisses Schicksal seiner Großeltern Moritz und Else Wolff erinnern

AZ Bingen vom 06.08.2011
Von Beate Goetz

BINGEN. Am Mittwoch, 31. August, werden 14 Stolpersteine an sechs Orten im Stadtgebiet verlegt. Die Steine erinnern an jüdische Mitbürger, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind. Gunter Demnig beginnt um 11 Uhr mit der Verlegung von sechs Steinen in Bingerbrück, zwei Am Rupertsberg 8, vier im Benediktusgarten. Danach geht es in die Innenstadt: zwei Steine in der Gaustraße 42, zwei in der Schloßbergstraße 25, zwei in der Kapuzinerstraße 3 und zwei in der Mainzer Straße 31. Die Verlegung erfolgt ungefähr im Halb-Stunden-Takt.

STEINE DER ERINNERUNG
AZ-Serie: Teil 1
Die erste Stolperstein-Verlegung fand mit zwei Steinen 2005 statt. Es folgten sieben Steine 2006, 24 in 2007 und 23 in 2009. In einer AZ-Serie stellen wir die Binger Bürger vor, derer mit den Stolpersteinen gedacht werden soll.

Der erste Teil ist Moritz Wolff gewidmet.
Moritz Wolff kam als drittes von acht Kindern des Glasers und späteren Bauunternehmers Karl Wolff (nach ihm ist in Bingerbrück eine Straße benannt) und seiner Ehefrau Karoline geborene Eichberg am 8. September 1880 in Oberheimbach zur Welt. Mit Schwester Paula wurde 1889 das erste Kind der Familie in Bingerbrück geboren. Einer der Brüder, Siegfried, fiel im Ersten Weltkrieg; Jacob, Marcus, Paula und Hans retteten sich durch ihre Auswanderung in die USA und nach Argentinien. Moritz, Klara und Bertha wurden Opfer des Holocaust.
Moritz Wolff heiratete 1912 in Homburg/Saar Else Seligmann, die dort am 16. Februar 1887 geboren wurde. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Margot (*1913), Fritz (*1914) und Ruth (*1918); sie kamen alle in Bingerbrück zur Welt. Moritz Wolff war Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg und von 1914 an Mitglied im Gemeinderat, dem sein Vater Karl Wolff von 1899 bis 1914 angehört hatte. Die Familie wohnte am Markt, heute, Am Rupertsberg 8, wo Moritz Wolff ein Schuhgeschäft hatte. Im selben Haus wohnte auch zeitweise Bruder Jacob Wolff, der im Weinhandel tätig war und später von Mainz aus mit seiner Familie nach Argentinien auswanderte.
Margot Wolff, verheiratete Hahn, kam über Palästina in die USA, wo sie 2010 in Connecticut starb. Sie hinterließ eine Tochter und Enkel.
Ruth Wolff, verheiratete Liwneh, ging nach Palästina, wo sie 2002 im Kibbuz Ein Charod starb. Sie hatte eine Tochter, einen Sohn und Enkel.
Fritz Wolff befand sich nach Aussage des Sohnes am 9. November 1938 in der Hachschara Gut Ellgut in Oberschlesien, einem Vorbereitungslager auf die Einwanderung nach Palästina. Er wurde von dort für sechs Wochen in ein KZ verschleppt und wanderte danach nach Holland aus. Im August 1939 erreichte er mit einigen Freunden auf einem illegalen Schiff Palästina. Er war einer der Siedler im Kibbuz Gal Ed, hei¬ratete Eva Hirsch, die aus Berlin stammte, und hatte mit ihr einen Sohn und eine Tochter und Enkelkinder. Yeduda Wolff, wie er sich in Israel nannte, starb 1975.
Moritz und Else Wolff zogen im August 1939 nach Mainz in die Hafenstraße 3; ihre letzte Adresse in Bingerbrück war die damalige Nr. 62 in der Koblenzer Straße. Das Paar wollte nach Palästina auswandern, wurde aber am 20. März 1942 von Mainz aus nach Polen deportiert; der Transport erreichte am 25. März Piaski. Ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.
Amnon Lahav, der Enkel, will mit den beiden Stolpersteinen an seine Großeltern erinnern, die er nie kennenlernen durfte. In einem bewegenden Brief schrieb er kürzlich, wie er sich ihnen nur allmählich annähern konnte: „Wie viele meiner Generation in Israel, der zweiten nach dem Holocaust, wuchs ich ohne Oma oder Opa auf. Sie waren nicht Teil unseres Lebens. Selbst bei den wenigen Malen, als man uns ein wenig über sie und ihr Zuhause erzählte, die kleine Stadt in Deutschland, Bingerbrück an Rhein und Nahe, dann schien uns das alles so weit weg .... Sie waren einfach tot."
Erst seit einem nur wenige Stunden dauernden Besuch in Bingerbrück 1972 begann der Enkel, sich mit seinen Großeltern auseinanderzusetzen. „Seit diesem Besuch vermisse ich sie jedes Jahr mehr und mehr; ihr Foto steht in meiner Wohnung, und am Yom Hashoa, dem Holocaust-Gedenktag in Israel, zünden wir eine Kerze an ihrem Bild an und stellen sechs Blumen daneben. Aber bis heute haben wir nicht letzte Gewissheit über ihr Schicksal und ihr Ende."

Hinzufügung am 14. November 2011:

Die Enkel der Familie Wolf - Amnon Lahav und Amos Livne - waren zu der Stolpersteineaktion in BIngerbrück gekommen. Sie nutzten diese Reise, um das Land der Vorfahren kennen zu lernen

Im Internet berichten Sie in Bildern über Ihre Reise. Klicken Sie hier:

 


KONTAKT
Beate Goetz ist stellvertretende Vorsitzende im Arbeitskreis Jüdisches Bingen und pflegt seit 1997 den Briefkontakt mit ehemaligen Binger Juden und deren Nachkommen in aller Welt.
Fragen und Kommentare bitte per Mail an: beategoe[at]freenet.de

(zurück)