. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Nummern im Massenmord

Stolpersteine
Emilie Kleeblatt und Ludwig Seligmann starben im Vernichtungslager / Im September 1942 deportiert

AZ-Serie: Teil 3 vom 27. August 2011
von Beate Goetz

BINGEN. Am 31. August werden 14 Stolpersteine an sechs Positionen im Stadtgebiet verlegt. Die Steine erinnern an jüdische Mitbürger, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind. In einer Serie porträtieren wir Menschen, denen dieses Gedenken gilt.

Diese Postkarte von 1908 zeigt den Blick auf die Stadt von der Naheseite aus. Dort, wo im mittleren Teil die Nahestraße, heute Schloßbergstraße, von der Stefan-George-Straße abbiegt, ist rechts daneben die Holzund Baumaterialienhandlung Ferdinand Seligmann, Söhne mit dem angrenzenden Lager im Hof zu sehen. Auch an der Nahe lagern Baumstämme, die wohl zum Angebot gehörten. Foto: Sammlung Wolfgang Schünemann

Emilie (Milli) Kleeblatt wurde am 14. Mai 1880 als Tochter des Holzhändlers Ferdinand Seligmann II, und seiner Ehefrau Johanna, geborene Simon, in Bingen geboren. Der Vater stammte aus Albisheim, die Mutter aus Gensingen. Ferdinand Seligmann II. war Mitglied des Gemeindevorstandes und gehörte dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur sowie dem Armenunterstützungsverein (Verein zur Beschränkung des Wanderbettels) an. Das Ehepaar hatte noch vier weitere Kinder: Die Söhne Ludwig und Siegfried, genannt Sigmund, 1875 und 1876 geboren, und Sohn Berthold, der 1879 im Alter von einem Jahr starb. Tochter Klara folgte 1882.

Sigmund Seligmann, seine Frau Selma und Tochter Johanna wanderten nach Amerika aus, Klara mit ihrem Mann Leo Kigelmann und den Kindern Hanna und Eugen. nach Chile, Ludwig Seligmann, der am 23. September 1875 in Bingen geboren wurde, blieb ledig; auch er war Holzhändler wie der Vater und betrieb mit seinem Bruder bis zu dessen Auswanderung in der Stefan-George-Straße 13 eine Baumaterialienhandlung unter dem Namen „Ferdinand Seligmann, Söhne". Dort hatte er auch seinen Wohnsitz, später zog er zur Schwester in die Gaustraße 38. Ludwig Seligmann war Mitglied der Deut-
schen Staatspartei von ihrer Gründung bis zur Auflösung und gehörte der Jüdischen Rhenusloge Mainz an.

Gestapo-Gräuel verpackt in Bürokratendeutsch

Er hatte eine Bürgschaft für die USA, wurde aber am 27. September 1942 mit der Nr. 916 nach Theresienstadt deportiert, wo er am 1. November 1942 starb.
Emilie Seligmann heiratete Bernhard Kleeblatt, der am 22. Oktober 1868 in Seligenstadt geboren wurde. Am 23. November 1903 kam Tochter Johanna in Braunschweig zur Welt. Sie wanderte 1936 mit ihrem Mann Paul Mayer nach Nordamerika aus, wo sie 2001 im Alter von 98 Jahren in San Francisco starb, wie ihre Verwandte Miriam Bachan, geborene Marlis Brück, berichtete. Miriam Bachan, die mit ihren Eltern auch in der Gaustraße gewohnt hatte, lebte bis zu ihrem Tod im Dezember 2010 im Kibbuz Maayan Zwi in Israel.
Bernhard Kleeblatt starb am 10. März 1929 in Braunschweig und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Bingen bestattet.
Emilie Kleeblatt, die mit Tochter und Schwiegersohn bis zu deren Auswanderung 4 in der Gaustraße 38 (damaliger Zählung) wohnte, hatte ein Affidavit für die USA, wurde aber mit der Nr. 793 zusammen mit noch fünf weiteren Binger Juden am 30. September 1942 nach Polen r deportiert. Die
Transportliste der Gestapo, Staatspolizeistelle Darmstadt IV B4, trägt die Überschrift „Wohnsitzverlegung nach dem General-Gouvernement". Über das weitere Schicksal von Milli Kleeblatt ist nichts bekannt.

Die Autorin
Beate Goetz ist stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreis Jüdisches Bingen und pflegt seit 1997 den Briefkontakt mit den ehemaligen Bingern jüdischen Glaubens und deren Nachkommen in aller Welt.
Fragen und Kommentare bitte per Mail an: beategoe[at]freenet.de

(zurück)