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Amnon Lahav dankt dem Arbeitskreis

Jeder hat einen Namen

Ich stehe vor Ihnen in Bingerbrück, zusammen mit meiner Tochter Yasmin, meinem Sohn Avshalom, meinem Vetter Amos und Adi, dem Sohn meiner Schwester, um teilzunehmen an dieser höchst symbolischen, bewegenden Stolperstein-Verlegung vor dem früheren Haus meiner Großeltern, der Familie Wolff.

Wir sind unter anderem aus Israel gekommen, weil wir uns ein Bild machen wollen von diesem Haus, dieser Straße, dem Ort und um eventuell auch Jemanden von der damaligen Jüdischen Gemeinde anzutreffen, der uns seine Erinnerungen an unsere Familie weitergeben könnte.

Außerdem möchte ich auch mehr über unsere Binger Herkunft erfahren, wie viel von unserem Charakter, unserem späteren Werdegang und unseren Werten ihren Ursprung hier in Bingen haben.

Und nicht zuletzt wollen wir auch unseren tiefen Dank aussprechen an diejenigen, die diese Feier heute ermöglichten.

Als Kind habe ich meinen Großvater und meine Großmutter väterlicherseits, Else und Moritz Wolff, weder erwähnt, noch konnte ich sie auf Hebräisch „Savta“ und „Saba“ (Anm: was soviel wie „Oma“ und „Opa“ heißt) ansprechen. Wenn meine Eltern über sie redeten, taten sie es auf Deutsch, in einer Sprache, die ich als Kind nicht kannte und auch nicht kennen wollte.

Wie viele meiner Generation in Israel, der zweiten nach dem Holocaust, bin ich ohne Oma und Opa aufgewachsen – sie waren nicht Teil unseres Lebens. Selbst bei den wenigen Gelegenheiten, als man uns ein wenig über sie und ihr Zuhause erzählte, die kleine Stadt in Deutschland, Bingerbrück an Rhein und Nahe, so schien dies alles sehr weit weg zu sein. Damals war es uns nicht möglich, hierher zu kommen oder mehr über ihr Schicksal zu erfahren. Ein paar alte Fotos waren alles, was mich mit ihnen verband.

Erst 1972, als ich Deutschland zum ersten Mal besuchte, hatte ich Gelegenheit für einen knappen Besuch von wenigen Stunden in Bingen. Erst als ich die Landschaft, die Häuser, die Straßen und ihr Heim sah, begann ich, mir ihr Leben vorzustellen. Es war das erste Mal, dass ich erahnen konnte, wie sie und ihre große Familie einige Generationen in Bingerbrück gelebt hatten, Mitglied der Jüdischen Gemeinde waren, im Wohnungsbau tätig waren und etwas Land besaßen. Sie waren geboren worden, hatten Schulen besucht, geheiratet und Kinder bekommen. - Vor diesem Besuch waren sie für mich einfach nur „tot“.
Seit diesem Besuch vermisse ich sie von Jahr zu Jahr mehr. Ihr Foto steht in meiner Wohnung, und am „Yom Hashoa“, dem Holocaust-Gedenktag in Israel, entzünden wir eine Kerze an ihrem Foto und stellen sechs Blumen daneben. (Anm.: Sie sind ein Symbol für die sechs Millionen ermordeten Juden.)
Selbst heute noch fehlt uns die letzte Gewissheit über ihr Schicksal und ihr Ende.

Wie viele Juden waren meine Großeltern gezwungen, ihr Heim zu verlassen, das weit unter Preis verkauft wurde. Sie zogen nach Mainz um, von wo aus sie im März 1942 deportiert und in den Tod geschickt wurden.
Was wussten sie von dem, was sie erwartete? Was konnten sie mitnehmen? Wer noch aus der Familie war in diesem Transport? Wir wissen es nicht.
Wir haben eine letzte Postkarte vom Februar 1940 mit ihrer Mainzer Adresse. Ihr letztes Lebenszeichen? Und dann???
Mein Vater und seine beiden Schwestern verließen Deutschland rechtzeitig vor dem Zweiten Weltkrieg und gingen ins damalige Britische Mandatsgebiet Palästina. Else (Anm.: die Großmutter) kam nur einmal 1937 nach Palästina. Letzter Besuch, letzte Tränen am Hafen von Haifa für immer.

Mit den Jahren versuchte ich soviel wie möglich über ihr Schicksal zu erfahren. Einige Hinweise fand ich in „Yad Va Shem“ in Jerusalem. Im „Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945“ kommt der Name Wolff mehr als 500 Mal vor, 14 von ihnen kamen aus Bingen, 30 von Mainz. Auch das Archiv des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen schickte mir noch einige zusätzliche Einzelheiten.
Als unsere Kinder mit anderen israelischen Jugendlichen die Vernichtungslager in Polen besuchten, zündeten sie eine symbolische Kerze zum Andenken an die Familie Wolff dort an.

Nun werden Dank Herrn Gunter Demnig, Frau Beate Goetz und des Arbeitskreises Jüdisches Bingen mit seinen großen Bemühungen zwei Stolpersteine vor dem ehemaligen Familienhaus am Markt (heute Rupertsberg 8) in Bingerbrück an Else und Moritz Wolff erinnern. 72 Jahre nachdem sie gezwungen waren, am 15. August 1939 ihre Heimatstadt für immer zu verlassen.

Einen wichtigen, abschließenden Punkt möchte ich noch erwähnen.
Bald nachdem mein Vater Fritz zusammen mit einer Gruppe deutsch-stämmiger Freunde im März 1945 das heutige Kibbutz Gal Ed unweit von Haifa gründete, wurde eine regionale Trauerfeier mit anderen Siedlungen der Gegend abgehalten, nachdem Details über das volle Ausmaß des Holocaust langsam bekannt wurden.

In seiner Ansprache betonte mein Vater als Vertreter des neuen Kibbutz Gal Ed: „ Unsere Antwort auf das tragische Geschehen in Europa ist die Gründung des Kibbutz und der Start für den Aufbau eines neuen Lebens.“

Mein Vater, Fritz Wolff, und seine Freunde, die die Shoa überlebt hatten, haben sich nicht „Flüchtlinge“ genannt wie andere es im Nahen Osten tun, sondern sie bauten mit Hilfe des Jüdischen Volkes unter schwierigsten Bedingungen ein Leben für sich auf und auch für uns – was letztendlich unser Erscheinen hier heute in Bingen ermöglicht.

Nochmals möchte ich im Namen der ganzen Familie Wolff einen tiefen Dank an Herrn Demnig, Frau Goetz und alle anderen, die an diesem Ereignis heute beteiligt waren, aussprechen für die freundliche Einladung und den herzlichen Empfang…

Was wir heute hier in Bingerbrück erlebt haben, ist kein Strich unter eine Lebensgeschichte, die eigentlich kein Ende hat. Die Stolpersteine markieren einen Platz des Gedenkens in unserer Erinnerung. In gewisser Weise sind die Stolpersteine für die Familie Wolff eine Art Ersatz für Grabsteine, die nie errichtet werden konnten.

Eine bemerkenswerte Bemühung, um niemals zu vergessen.

Amnon Lahav, Kibbutz Gal Ed, Israel

(Aus dem Englischen von Len Hill, Darmstadt und Beate Goetz, Arbeitskreis Jüdisches Bingen)

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