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Erinnerungen des Schmarjahu (Siegfried) Marx (1918-2011) aus Bingen

Transkription einer Videoaufnahme vom Dezember 2010, erstellt von Rafi Siano, Haifa, dessen Mutter Frieda Siano geborene Marx eine Cousine von Schmarjahu Marx und (Anneliese) Nomi Samter geborene Marx war.
Rafi Siano unterhält seit mehreren Bingen-Besuchen einen regen Kontakt mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen.

4. Ausrufung des Staates Israel

Gescher heißt Brücke, neben dem Kibbuz war seit antiken Zeiten ein Übergang über den Jordan, eine Zollstation, eine Straßenbrücke, eine römische Brücke, eine Eisenbahnbrücke und landschaftsbeherrschend eine große Festung der britischen Polizei. Am 27. April 1948, also rund drei Wochen vor der Ausrufung des Staates Israel - es war schon klar, dass die Briten das Land verlassen würden - versprachen uns diese, uns die Festung zu übergeben und verließen den Platz. Sie begaben sich in die Berge von Transjordanien und schlossen sich der arabischen Legion an, also den uns feindlichen jordanischen Truppen. Es setzte ein Wettrennen ein um die Festung, wir kamen den Arabern zuvor und schlossen uns dort ein. Wir errichteten Schießscharten und beherrschten das Gelände vollkommen, niemand kam an uns vorbei. Aber wir besaßen keine schweren Waffen, und im folgenden Krieg wurden wir schwer beschossen von Artillerie und Panzern. Die Festung war ursprünglich für rund tausend Soldaten angelegt, wir hatten 25 zur Verfügung. Auch der Kibbuz wurde schwer beschossen, und wir hatten nichts außer Gräben, in denen wir uns verkriechen konnten. Am 28. April (1948) kam wichtiger Besuch. Frau Golda Meir, die nachmalige Premierministerin, kam durch Gescher und fuhr zu König Abdalla von Transjordanien. Sie erreichte eine kurze Feuerpause, und nachts evakuierten wir die Kinder nach Aschdot Ja’akov, barfuß gingen sie durch die Dornenfelder. Eigentlich sollten am Tag zuvor Autobusse die Kinder wegbringen, aber gleich nach deren Einfahrt in den Hof wurden sie in Brand geschossen. Irgendwann wurden die Kinder von Aschdot nach Haifa gebracht, das damals bereits von unserer Seite erobert war, und in einem Kloster neben dem Regierungsspital untergebracht. 
In der vorausgehenden Nacht waren wir schwer angegriffen worden, wir hatten keine Unterstände, wir hatten Verwundete und Tote zu beklagen. Der einzige Bunker war noch im Bau, und erst am Tage vorher war die Betondecke gegossen worden. Frau Meir kam zurück, und wir hingen an ihren Lippen. Aber sie sagte nur „grabt schneller und tiefer“ und fuhr weiter.
Unterdessen stießen neue Einwanderer zu uns, Maapilim, die nichts besaßen. Die Bedingungen waren außerordentlich primitiv, das alte Zollhaus aus türkischer Zeit wurde zur Unterkunft, die ersten Häuser bauten wir aus Lehm, Stroh und Hölzern.

- Erste Kampfhandlungen (1948)

Am 15. Mai 1948 um die Mittagszeit hörten wir die Ausrufung des Staates durch David Ben Gurion im Radio. Es war klar, dass die Araber uns angreifen würden. Wir waren etwa 100 Leute, Frauen und Männer; die Kinder und schwangere Frauen waren bereits alle evakuiert. Wir waren ziemlich knapp an Waffen und Munition, später kamen noch etwa 10 Soldaten als Hilfe zu uns.
Noch gleichentags begann man uns zu bombardieren, unsere Herden und Ställe wurden vernichtet, es war sehr niederdrückend, während wir in unseren Stellungen aushielten. In meiner Stellung hatten wir ein einziges Gewehr. Das Bombardement dauerte 48 Stunden, dann sahen wir auf der anderen Jordanseite Bewegung von Hunderten oder Tausenden. Eine Panzerkolonne griff die Polizeifestung neben uns an, und dem vordersten Tank gelang es, den Eingang zu passieren. Dann wurde dieser Tank erledigt und versperrte nun den anderen den Weg. Die unendlich vielen Fußtruppen griffen uns nun an. Wir warteten bis die Gegner vielleicht 20 Meter vor uns waren und schossen erst dann. Nach Stunden klangen die Schießereien ab, und wir zündeten die Felder rund um uns an. Darauf zogen sich die Araber zurück. In den folgenden Angriffen hatten sie keine Deckung mehr, es war uns jetzt viel leichter, uns zu verteidigen. Zwei junge Maapalim, die als Läufer zwischen den Stellungen eingesetzt waren, wurden im Verlaufe des ersten Angriffes getötet. 
Dieser Zustand dauerte bis in den Juni. Dann kam eine Kommission, welche unserem Kibbuz einen neuen Ort zuweisen sollte. Während des Besuches wurden wir stark beschossen, was zu dem für uns glücklichen Befehl führte, die Luftwaffe zu unsern Gunsten einzusetzen. Erst nach diesen schrecklichen Wochen erfuhren wir, dass etwa 5000 irakische Truppen uns erfolglos angegriffen hatten, unterstützt von syrischen Panzern und der so genannten arabischen Legion, das war eigentlich die jordanische Armee unter dem Kommando von britischen Offizieren.

Während der ganzen Zeit aßen wir aus Konservenbüchsen. Ich beschloss, einen Gemüsegarten anzulegen. Das Wasser kam von einer Pumpe, welche jeweils kontrolliert werden musste, ob sie noch funktionierte. Eines Tages wurde ich auf dem Weg zur Pumpe fotografiert, mit Gewehr und Spaten über der Schulter. Jahre später diente dieses Bild einem Grafiker als Vorlage für ein Wahlplakat. Siehe unten "Gewehr und Spaten - Kämpfer und Landwirt"

Vom Jahre 1949 an, nach dem Krieg, begannen wir, den Kibbuz an seinem heutigen Standort aufzubauen. Nun erstellten wir feste Häuser, und ich beschloss, nicht mehr in die Landwirtschaft zurück zu kehren, sondern Bäume und Gärten zu pflanzen. Das Jordantal war ja eine Wüste, und dagegen wollte ich etwas unternehmen. Der Kibbuz entwickelte sich erfolgreich, Orangen wurden gezüchtet und exportiert. Das heiße Klima, zusammen mit dem Wasser des Jordan, brachten ganz besonders süße und früh reifende Früchte hervor.
Bis 1963 widmete ich mich ganz dem Aufbau des Kibbuz. Dann erkrankte meine Frau und musste sich einer Operation unterziehen. Der Arzt nahm mich beiseite und sagte mir, wenn mir die Gesundheit meiner Frau wichtig sei, müsse ich unbedingt das Klima des Jordantals verlassen. 

-- Umzug nach Haifa und Tivon - 1963

So zogen wir nach Haifa und kurz darauf nach Tivon. Arbeit fand ich sofort, Bekannte übertrugen mir den Gartenbau in Erholungsheimen der Krankenkasse. Bald fand ich auch eine Wohnung und später ein Haus. 
Meine Frau hatte während des Krieges die Verwundeten im Kibbuz behandelt ohne dafür geschult zu sein. Ein Jahr nach dem Krieg, also 1949, bildete sie sich in einem vierjährigen Lehrgang zur Krankenschwester aus. Nach unserm Wegzug aus Gescher wurde sie Leiterin der Kupat Cholim, ein Ambulatorium, in Tel Chanan, einem Vorort von Haifa.

Mein ältester Sohn Giora lebt heute in Tetach Tikwa und hat bereits Enkelkinder. Mein jüngerer Sohn Gabi lebt in Tivon und ist ebenfalls Großvater. Gabi war in seiner Jugend ganz besonders anhänglich und liebte es, mich bei meiner Arbeit zu begleiten. (Gabi Marx begleitete seinen Vater auch 1999 zum „Wiedersehen mit Bingen“; Anm. B. Goetz). Meine jüngste Tochter Nava lebt in der Nähe von Tel Aviv und hat ebenfalls schon verheiratete Kinder.

Vier Monate nach der Aufnahme verschied Schmarjahu Marx 
am 8. April 2011.

Schmarjahu Marx mit Gewehr und SpatenWahlplakat mit symbolischer Aussagekraft

Gewehr und Spaten - Kämpfer und Landwirt

Gewehr und Spaten - dies hatten die Kämpfer der israelischen Freiheitsbewegung, der Hagana, ständig zur Hand. Dies symbolisiert den kämpferischen Weg zur Existenz Israels und die harte Arbeit, aus kargem Boden ein fruchtbares Land zu machen.
Schmarjahu (Siegfried) Marx wurde mit dem neben stehenden Bild zum Symbol und damit zum Vorbild auf einem späteren Wahlplakat Die Entstehung Israels bestand aus blutigem Kampf und auch die Urbarmachug des Landes war ein Kampf.
„Während der ganzen Zeit aßen wir aus Konservenbüchsen. Ich beschloss, einen Gemüsegarten anzulegen. Das Wasser kam von einer Pumpe, welche jeweils kontrolliert werden musste, ob sie noch funktionierte. Eines Tages wurde ich auf dem Weg zur Pumpe fotografiert, mit Gewehr und Spaten über der Schulter. Jahre später diente dieses Bild einem Grafiker als Vorlage für ein Wahlplakat.“
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