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Erinnerungen des Schmarjahu (Siegfried) Marx (1918-2011) aus Bingen

Transkription einer Videoaufnahme vom Dezember 2010, erstellt von Rafi Siano, Haifa, dessen Mutter Frieda Siano geborene Marx eine Cousine von Schmarjahu Marx und (Anneliese) Nomi Samter geborene Marx war.
Rafi Siano unterhält seit mehreren Bingen-Besuchen einen regen Kontakt mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen.

1. Binger Jahre

Schmarjahu Marx und Nomi Samter 1999

Unsere Familie Marx väterlicherseits stammte ursprünglich aus Rümmelsheim, ein ganz kleines Dorf nahe bei Bingen, und gehörte zu einer von etwa 10 jüdischen Familien im Dorf. Die Großeltern mütterlicherseits, die Mayers, stammten aus Staudernheim an der Nahe, also alles Dörfer westlich des Rheins, zwischen Mainz und Koblenz. In Staudernheim weilte ich manchmal in den Ferien beim Großvater, er besaß dort ein Haus und eine Kutsche mit Pferden. Ich wurde am 4. Oktober 1918 in Münster-Sarmsheim geboren, ebenfalls ein kleines Dorf in derselben Gegend. Meine Eltern zogen nach Bingen, damals das größte Städtchen der Umgebung, da lebten etwa 10 Tausend Einwohner, wovon rund tausend Juden.
Mein Vater war Viehhändler und Metzger, er belieferte die Juden auch mit Koscher Fleisch, wir waren nicht streng religiös, eher liberal. In der Synagoge stand eine Orgel, ich sang im Chor, es war eine angenehme Atmosphäre. Der damals sehr bekannte Komponist Luis Lewandowski komponierte speziell für uns Gesänge mit Orgelbegleitung. Am Schabbat war es jeweils besonders feierlich, mit Orgelspiel und Gesang stiegen wir zum Thoraschrein hinauf, wo man die Thorarollen mit silbernen Kronen und Schmuck aufbewahrte. An den Festtagen blies mein Vater das Schofar (Widderhorn). Als ich elf Jahre alt war, starb mein Vater an Krebs.

In der Schule hatte ich meist jüdische Freunde, aber auch nicht jüdische. Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden war überwiegend gut. Wir Kinder schauten oft den katholischen Prozessionen zu, da wurden die Heiligen von Kirche zu Kirche getragen und dabei viel gegessen und getrunken. (Herr Marx meint damit vermutlich das Rochusfest. Anm.: Beate Goetz) An der Spitze des Zuges ging der Priester mit der Monstranz.

Die ganze Gegend lebte vom Wein, alles drehte sich um den Anbau, die Lese, das Keltern, dann der Weinhandel. Die Juden waren ganz eingewoben in diesen Wirtschaftszweig. Manchmal kamen Aufseher der Behörden, um zu prüfen, ob dem Wein nichts beigemischt wurde, und sei es auch nur Wasser. Die Gegend belieferte ganz Europa mit Wein, die größte Handelsfirma war Nathan Fromm GmbH. Wenn man von Antisemitismus etwas verspürte, war es meist mit Ausdrücken von Neid über die erfolgreichen jüdischen Weinhändler verbunden. Diese kauften oft ganze Ernten im Voraus und waren somit anderen Händlern gegenüber im Vorteil.

Gegenüber unserm Haus in der Nikolausgasse war ein christlicher Bäcker, der buk für uns das Brot und vor Schabbat unsere Chalot (Weißbrot für Schabbat). In unserm Haus hatten wir eine Hilfe, aber nicht jeden Tag. Wir Kinder erhielten jede Woche zwei Stunden Religionsunterricht. Unser Lehrer wohnte in der Synagoge im 2. Stock, sein Name war Bayer, und später gelangte auch er nach Haifa, wo er einen Laden für Musikalien führte. Bei Bayer lernte ich für meine Barmizwa (Konfirmation) singen und aus der Thora vorlesen.

Ich hatte einen um 10 Jahre älteren Bruder, Josef (Julius), sowie einen jüngeren Bruder Arthur und eine Schwester namens Frieda. Letztere beide wurden später von den Nazis ermordet. Die Mittelschule brachte ich nicht zu Ende, es zog mich zur Landwirtschaft und besonders zum Gartenbau. Schon als kleiner Junge pflegte und hegte ich ein kleines Treibhaus, welches ich aus alten Röntgenplatten gebaut hatte. Allerdings waren es nur gewöhnliche Pflanzen, die ich dort pflanzte, aber dadurch lernte ich die Namen frühzeitig kennen. Ich wollte auf die höhere landwirtschaftliche Schule nach Geisenheim, aber dort wurden Juden nicht mehr angenommen. Ich fand dann eine praktische Stelle in einem Landwirtschaftsbetrieb mit Blumenzucht. Der Besitzer war Mitglied der Nazipartei und trug ein Hakenkreuzzeichen auf seiner Bluse. Ich blieb etwa ein Jahr bei dem Mann, und er gab mir ein gutes Abschlusszeugnis, was mir später sehr behilflich war.