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Nomi Samter

Erinnerungen der Nomi Samter geborene Anneliese Marx (* 1919) aus Bingerbrück.  Transkription von Tonbandaufnahmen, erstellt von Rafi Siano aus Haifa. Sein Großvater Leo Marx war ein Bruder von Nomi Samters Vater Robert, Schmarjahu Marx’ Vater Moritz, von Isidor und Eugenie Marx.

2. Getrennte Wege

Mein Bruder Erich hatte 1934 die landwirtschaftliche Schule in Ahlen bei Hannover abgeschlossen und wurde aktiver Zionist. Er überzeugte meine und Ruthchen Wolffs Eltern, dass Palästina für uns richtig sei und half uns bei allen Vorbereitungen. Ruthchen war meine beste Freundin in jenen Tagen. Zusammen absolvierten wir die Hach’schara (Vorbereitungs-Kurs) in Rüdniz bei Berlin und fuhren dann im März 1935 in  den Kibbuz En Charod. Der Ort liegt in der Nähe der Jordansenke, unter dem Meeresspiegel und ist in den Sommermonaten fürchterlich heiß.

Der Abschied von unseren Eltern in Bingen ist unvergesslich, noch höre ich die Schreie von Frau Wolff, "mei Ruth'sche, mei Ruth'sche". Ruth und ich blieben ein Leben lang Freundinnen, und noch heute ruft mich Ruths Tochter Tamar einmal wöchentlich an. Nach der Hach’schara fuhren wir über München nach Triest. In München  stießen unsere Breslauer und andere  Kameraden zu uns. Das Schiff  "Galileo"  brachte uns am 16. März nach Haifa. Wir wurden mit Blumen empfangen, und am nächsten Tag ging es mit der Eisenbahn nach En Charod. Auch dort war der Empfang recht herzlich, und unsere Gruppe bekam zwei Betreuer aus der Gruppe der vor uns eingewanderten Jugendlichen.

Meine erste Arbeit war in den Reben, ich kannte mich ja von meinem Elternhaus in Bingen  im Weinbau etwas aus. Mit meinen Eltern wechselte ich Briefe, und die meisten dieser Briefe habe ich aufbewahrt.

Meine Eltern gelangten nach der Kristallnacht 9./10. Nov. 1938 dank Erichs Hilfe in die Hach’schara nach Schniebienchen bei Sommerfeld nahe Breslau (heute Lubsko in Polen). Obwohl die Hach’schara eigentlich für Jugendliche bestimmt war, konnten die Eltern bleiben, meine Mutter arbeitete in der Küche und mein Vater im Büro.

Dort erwarteten sie die Einwanderungspapiere nach USA, welche meine Schwester sandte. Meine Schwester gelangte 1938 in die Vereinigten Staaten dank Familienangehörigen, die bereits Ende des 19. Jahrhunderts ausgewandert waren. Im letzten Moment, es war bereits das Jahr 1941, konnten die Eltern in Lissabon einen Dampfer nach den USA besteigen. Sie fanden dann eine neue Heimat in Vineland, dem Wohnort meiner Schwester.

Mein Vater pflegte zu sagen "Zuerst bin ich Deutscher und erst nachher Jude", und die Freundschaften mit nichtjüdischen Bekannten hielten vorerst an. So wurde mein Vater durch einen christlichen Schulfreund gerettet. Dieser rief meinen Vater Robert  an und wies ihn an, auf keine Telefonanrufe zu antworten, das Haus nicht zu verlassen und Essen zu horten. So kam es, dass in der ersten Deportationsliste (Es muss sich um die Deportation der jüdischen Männer nach dem 9. November 1938 handeln. Anm.: Beate Goetz) anstelle meines Vaters Namen mein Vetter Siegfried (Schmarjahu) aufgeführt war. Zu seinem Glück war Schmarja aber schon in Palästina.