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Nomi Samter

Erinnerungen der Nomi Samter geborene Anneliese Marx (* 1919) aus Bingerbrück.  Transkription von Tonbandaufnahmen, erstellt von Rafi Siano aus Haifa. Sein Großvater Leo Marx war ein Bruder von Nomi Samters Vater Robert, Schmarjahu Marx’ Vater Moritz, von Isidor und Eugenie Marx.

6. Freud und Leid

In Jerusalem blieben wir zwei Jahre und im Jahre 1943 zogen wir nach Petach Tikwa, nahe Tel Aviv. Hans fand dort Arbeit als Lastwagenchauffeur bei den Engländern, die einen Flugplatz bei Kfar Sirkin bauten. In Petach Tikwa wohnten wir in einem winzigen Zimmer bei einer Familie mit gemeinsamem Bad, dort kam Arie auf die Welt.

Im Jahre 1947 fuhr ich allein nach Vineland in  den Vereinigten Staaten, wo meine Eltern eine Hühnerfarm errichtet hatten. Mein Vater wollte, dass wir, also Hans und ich, zu ihm ziehen und versprach uns ein Haus zu bauen. Aber  ich fand, meine Heimat sei jetzt Palästina  und kehrte Anfang 1948 zurück. Die Reise dauerte damals 21 Tage, und mit mir auf dem Schiff fuhr eine Freundin und Dr. Lehmann, der Leiter des Jugenddorfes Ben Schemen, eine bekannte Persönlichkeit.

Bei meiner Ankunft in Haifa war Hans nicht auffindbar, obwohl er von meinem Kommen wusste. Ich fand einen gemeinsamen Freund, der mich ins Bild setzte, dass kriegsähnliche Zustände herrschten, obwohl offiziell noch die Engländer das Land verwalteten. Ich bestieg ein gepanzertes Fahrzeug, das mich nach Hadera brachte, dort bestieg ich einen normalen Autobus nach Petach Tikwa, unserm Wohnort. Mit mir schleppte ich zwei Koffer, der eine enthielt Essen und Fleischkonserven, die mit mir die Reise übers Meer mitgemacht hatten. Von unsrer Nachbarin erfuhr ich, dass man Hans mit seinem Lastwagen eingezogen hatte und er irgendwo mit einer Kolonne von Lastwagen Nachschub ins belagerte Jerusalem bringen sollte. Telefone gab es keine, aber in Tel Aviv gab es eine Stelle, wo man erfahren konnte, was mit den eingezogenen Leuten geschah, ob sie in Jerusalem festsaßen oder ob ihnen etwas zugestoßen sei. Irgendwann gab es dann einen Waffenstillstand und Hans transportierte meinen Koffer mit den Esswaren nach Jerusalem. So kam es, dass unsere Freunde die Hungerzeit der Belagerung mit amerikanischen Fleischkonserven überstanden.

Im Januar 1952 zogen wir nach Fedja, ein ehemals arabisches Dorf außerhalb von Petach Tikwa. Das Haus bestand ursprünglich aus zwei Zimmern, im Jahre 1963 erhielten unsere Eltern  die ersten Wiedergutmachungsgelder, damit vergrößerten wir das Haus.

Am Versöhnungstag, dem 6. Oktober 1973, griffen die Heere Ägyptens und Syriens den Staat Israel an. Unser jüngerer Sohn Gadi fiel auf den Golanhöhen. Er war Mitglied eines Kibbuz gewesen und ein begeisterter Naturfreund.

Anfang der 90er Jahre kam es zu Kontakten mit Binger Bürgern, die uns ehemalige Binger Juden suchten und schließlich auch fanden. Im Jahre 1999 fuhr ich mit der ersten Gruppe aus Israel nach Bingen, zusammen mit meinem Vetter Schmarjahu, meinem Sohn Arie und anderen Nachkommen der Familie Marx, und seither stehe ich in regelmäßigem Briefwechsel mit Frau Beate Goetz vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen.