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Ruth Mayer 2013 zur Geschichte ihrer Familie

Ilse Barker, Ruth Mayer, Doris Herzberg; Anm. siehe unten

Ein Leben mit Höhen und Tiefen

Ich, Ruth Mayer, bin dieses Jahr 80 Jahre alt geworden und bin, soviel ich weiß, die einzige von meiner Familie, die noch lebt. So dachte ich, es sei an der Zeit, unsere Geschichte zu erzählen.

Wir haben in der Gaustraße 31 gelebt, und mein Vater, Paul Mayer, war Weinhändler und ist viel gereist. Meine Mutter hieß Leni (Helene geborene Meyer), und wir waren Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. Die Großeltern väterlicherseits lebten in Langenlonsheim. Mein Großvater mütterlicherseits lebte in Hannoversch Minden zusammen mit Großmutter Rosa; sie stellten Schmirgelpapier her. Diese Großeltern sind nach England ausgewandert und da gestorben.

Als ich fünf Jahre alt war, 1938, ist mein Vater geschäftlich nach Holland gereist. Ein paar Tage später kam die Gestapo für ihn. Meine Mutter sagte ihnen, ihr Mann sei schon längst in England. Sie rief ihn an und warnte ihn, nicht zurück zu kommen. Mein Vater fuhr im Juni 1938 direkt nach England. Er lebte dort bei meinem Onkel und seiner Frau bis auch wir am 18. November 1938 nach England emigrieren konnten.

Meine Mutter wollte Bingen nicht verlassen, bevor sie den ganzen Haushalt nach England schicken konnte, wofür man eine Genehmigung von den Nazis haben musste. Es dauerte sechs Monate bis wir weg konnten.

Am Tag der Kristallnacht war meine Mutter in Frankfurt und hatte mich bei Freunden in Bingen gelassen. Man kann sich kaum vorstellen, wie froh sie war, als wir am Bahnhof wieder vereint waren; sie wusste ja nicht, ob ich noch lebe oder nicht.

Die Familie Mayer in Langenlonsheim hatte nicht so ein Glück.  Die Großeltern, zwei Tanten und ein Schwiegersohn sind im Konzentrationslager umgekommen. Else Grosz und ihr Mann haben Stolpersteine in Frankfurt, wo sie zuletzt lebten. An meine Großeltern und Tante Lieselotte erinnern Stolpersteine in Langenlonsheim, die mit Hilfe der Gemeinde Langenlonsheim, des Arbeitskreises Jüdisches Bingen und Beate Goetz verlegt wurden.Ruth Meyer

Meine Cousine Marianne Grosz kam mit ungefähr 15 Jahren allein nach England und musste für sich selbst sorgen. Sie wollte nicht bei uns in Cardiff leben, sondern blieb in London. 2010 ist sie gestorben.

In England hatten es meine Eltern zuerst sehr schwer. Mein Vater, der Weinhändler, musste mit seinem Schwager in der Schmirgelpapier-Fabrik arbeiten, um uns zu ernähren.  Meine Mutter sprach kein Englisch und konnte nur zeigen, was sie beim Einkaufen haben wollte.
Ich ging in Deutschland nie zur Schule, musste aber hier in England deutsch lernen, was mir ganz komisch vorkam. Nach der Schule habe ich einige Jahre als Sekretärin gearbeitet, zunächst in London, dann in der Fabrik meiner Familie. Anschließend arbeitete ich über 40 Jahre lang beim Fernsehen. Dieser Beruf war anstrengend, aber immer interessant. So kam ich auch nach Leipzig, als die Mauer noch stand, um das Brahms Violinkonzert mit Yehudi Menuhin im Gewandhaus zu filmen. So etwas kommt nicht oft im Leben vor und ist eine schöne Erinnerung.

Dank der Wiedergutmachung nach dem Krieg ging es uns besser und wir konnten sehr gut leben. Mein Vater ist 1973 gestorben und meine Mutter 2003.
So bin ich jetzt die Einzige in unserer Familie, die erzählen kann, wie es damals war.

Ruth Mayer 2013 für den Arbeitskreis Jüdisches Bingen

Anmerkung:

Links auf dem Foto ist die inzwischen verstorbene Ilse Barker, geborene Gross, in der Mitte Ruth Mayer, rechts Doris Herzberg geborene Brück. Das Foto entstand bei einem Treffen bei Ruth Mayer in Berkshire/UK, als das Ehepaar Herzberg auf Europareise war und man auch Ilse Barker zum Wiedersehen eingeladen hatte, die in der Nähe lebte. Ilse Barker und Ruth Mayer waren durch Frau Beate Goetz aufeinander aufmerksam geworden, nahmen Kontakt auf und besuchten sich einige Male bis zum Tod von Ilse Barker. Alle drei Damen, alle in Bingen geboren, sind auf unserer Kontakte-Liste aufgeführt.