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Synagoge Rochusstraße

Neue Synagoge 1905
Zerstörte Synagoge 1938

 

Die Synagoge in der Rochusstraße - mit eingehender Darstellung der Synagogen in Bingen

Das Bauwerk und seine Geschichte

Vortrag anlässlich der Präsentation des Synagogenmodells in der Volkshochschule Bingen am 28. Januar 2007; von Dr. Josef Götten

hier: Die neue Synagoge in der Rochusstraße

Solche Gedanken scheinen auch Ludwig Levy bei seinem Synagogenkonzept für Bingen beseelt zu haben.
Der gesamte Synagogenkomplex bestand aus dem synagogalen Mittelbau, der weit nach Westen zwischen die Wohnhäuser hineinragte, und zwei Nebengebäuden an der Straßenfront.
Der rechte, heute noch stehende Bau mit drei schön verzierten Rundbogenfenstern im mittleren Stockwerk, diente als Gemeindehaus mit Verwaltungs- und Versammlungsräumen. Im linken, schmäleren Gebäude befanden sich Räume für den Rabbiner und den Kantor, während im Untergeschoss die Wohnung des Synagogendieners war.
Wenn man das Modell ins Auge fasst, dann fallen zunächst die 5 Türme auf.
Von vier Ecktürmen ist der eigentliche Synagogenbau eingerahmt. Zwei schlichte, rechteckige Treppenhaustürme flankieren auf der eindrucksvollen Schauseite eine mächtige Freitreppe, die zu einem Doppelportal führt.
Das Rundbogenfries in dem Giebelfeld darüber beherrschen die mosaischen Gesetzestafeln, die von zwei Löwen bewacht oder beschützt werden.
Überragt wird der ganze Komplex von dem mächtigen Vierungsturm, auf dessen Spitze ein Davidsstern prangt.
Von der Rochusstraße aus gelangte man durch das Doppelportal in einen Vorraum. Von diesem führten Treppen in die Seitengebäude und zur Frauenempore sowie ein Umgang zu den eigentlichen Synagogeneingängen an der Nord- und Südseite, da an der Ostseite, zur Straße zu, der Thoraschrein in Richtung Jerusalem angebracht sein musste.

Den Synagogeninnenraum beschreibt Rabbiner Dr. Richard Grünfeld in der von ihm herausgegebenen Festschrift zur Einweihung dieses Gotteshauses am 21. September 1905 wie folgt:
„Der Hauptraum zeigt eine doppelstöckige Anlage, deren Erdgeschoß für die Männer und deren Emporengeschoß für die Frauen bestimmt ist. Überdeckt ist dieser Raum in der Hauptsache mit einem offenen Holzgewölbe, das ebenso, wie die Wand- und Gewölbeflächen, noch des malerischen Schmuckes entbehrt.
Die Fenster sind mit Glasmalereien versehen. Sie wurden sämtlich von Gemeindemitgliedern oder auswärts wohnenden Gemeindekindern zum Andenken an ihre heimgegangenen Lieben gestiftet.
Im Osten führen mehrere Stufen zu einer Estrade mit dem Vorbetertisch, dem 8-armigen Leuchter und dem Rabbinersitz.

Im Hintergrund erhebt sich, durch seinen ganzen architektonischen Aufbau auf seine Bedeutung hinweisend, das Allerheiligste, der zur Aufbewahrung der Thorarollen bestimmte Schrein. Ein gestickter Vorhang und eine dahinter befindliche, feste Türe verschließen den Zugang. Die Kanzel steht mit dem Zugang zum Allerheiligsten in Verbindung und kann von allen Plätzen der Synagoge gesehen werden.

Hinter dem Allerheiligsten liegt in Emporenhöhe die Bühne für Sänger und Orgel. Über diesem Raume wölbt sich eine Kuppel mit Oberlicht, die in der Facade durch den hohen, turmartigen Aufbau ihren architektonischen Ausdruck gefunden hat. ... Es sind 218 Männer- und 171 Frauensitze vorgesehen.“ (Soweit Rabbiner Grünfeld!).

Die uns vor einigen Monaten unerwartet zugeschickten 6 Fotoplatten aus dem Nachlass von Karl Berrenberg aus dem Rheinland, der in den zwanziger Jahren bisher nicht gesehene Innenaufnahmen der Synagoge gemacht hat, ergänzen anschaulich diese Beschreibung, obwohl noch Detailfragen offen bleiben.

Für die hervorragende Reproduktion dieser alten Fotografien, die heute im Treppenhaus das Modell umrahmen, sei an dieser Stelle dem „Fotokünstler und Fotohistoriker“ Franz Toth herzlich gedankt.

Die schon erwähnte feierliche Einweihung der neuen Synagoge vor fast 102 Jahren war ein großes gesellschaftliches Ereignis. Die „Binger Zeitung für Stadt und Umgebung“ berichtete:
„Es war ein herrliches, glanz- und stimmungsvolles Fest, das nun hinter uns liegt, stimmungsvoll eingeleitet und umkleidet von einer wohltuenden allgemeinen Anteilnahme der Gesamtbevölkerung an dem Freudenfeste der israelitischen Mitbürger. Fast an jedem Hause der Hauptstraßen wehten die Fahnen, - man war dabei dem löblichen Beispiel der Stadtverwaltung gefolgt, welche die Rochusstraße zu einer via triumphalis gestaltet hatte.

Eine recht zahlreiche geladene Gesellschaft von hier und auswärts, Vertreter der staatlichen und städtischen Verwaltung, Geistliche der beiden christlichen Konfessionen, Schulbehörden etc, versammelten sich von 10 Uhr ab in dem neuen Gotteshaus, das auch in seinem, vorerst gewissermaßen noch schlicht ausgestatteten, Innern durch die ganz geniale Anlage auf jeden erhebend wirkt.“
Die Verwaltung der Stadt Bingen hatte „in großherziger Weise“, wie Grünfeld anmerkt, „der israelitischen Religionsgemeinde, anlässlich der Synagogeneinweihung, ein Festgeschenk in Höhe von 6000 Mark bewilligt mit der Bestimmung, daß dafür die Kosten der Orgel bestritten werden sollen“.
Rabbiner Dr. Grünfeld schließt seine Festschrift mit dem Segenswunsch: „Möge die neue Synagoge auf der Rochusstraße für die Gemeinde werden: ein Haus des Segens und des Friedens, der Andacht und der Erhebung, eine Quelle der Belehrung und des Trostes, eine Pflanzstätte des lautersten Patriotismus und echter, unverfälschter Menschenliebe!“ (S.48)

33 Jahre diente die Synagoge ihrem Zweck als jüdisches Gotteshaus, als Lehrhaus und Gemeindehaus.

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