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Gespräch mit dem Zeitzeugen Dr. Ignacy Arthur Krasnokucki am 9. April 2014, Volkshochschule Bingen

Begrüßung durch den Vorsitzenden  des Arbeitskreises Jüdisches Bingen, Herrn Gundlach, als Mitveranstalter der Gesprächsrunde

Sehr geehrter Herr Krasnokucki,
sehr geehrter Herr Sehn,
sehr geehrter Herr Bauer,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich wurde gebeten, ein paar einführende Worte zu sprechen. was ich sehr gerne tue. Zuvor komme ich allerdings meinem Auftrag nach, unsere frühere Bürgermeisterin, Frau Brigitte Giesbert, zu entschuldigen. Sie bedauert es außerordentlich,  wegen eines anderen  Termines dieses Mal nicht hier sein zu können.
Frau Giesbert ist – wenn Sie so wollen – die Gründerin des Arbeitskreises Jüdisches Bingen, dessen Vorsitz ich jetzt führe. In dieser Funktion stehe ich hier, und begrüße Sie auch im Namen aller Mitveranstalter.
Dieser heutige Abend und diese Veranstaltung entsprechen den Leitgedanken unseres Arbeitskreises, nämlich
Erinnern
Gedenken
Verbinden.

Derzeitige Nachrichten über Wahlen bei denen Rechte und Rechtsradikale Parteien immer mehr Zustimmung finden, sehe ich persönlich als sehr bedrohlich an.
Die Gefahr dass Jugendliche diesen modernen Rattenfängern auf den Leim gehen ist leider groß.
Gerade deshalb sehe ich es als wichtig an, dass wir uns mit der Vergangenheit – und zwar speziell mit der dunklen Nazi-Vergangenheit auseinandersetzen. Bingen hatte viele jüdische Bürger, ja sogar einen Ehrenbürger, Herrn Dr. Isaac Ebertsheim.
150 Binger Bürger wurden von den Nazis nach Piaski-Lublin(76), nach Theresienstadt (68) und nach Auschwitz (6) deportiert, kamen nicht mehr zurück. Andere konnten fliehen, auswandern. Bekannt ist aber auch, dass eini-ge die ins Ausland geflohen waren, von dort aus ins KZ verschleppt wurden.
Wir haben Bilder von der Verladung in der Hindenburgallee vor der ehem. Binger Stadthalle.
Es war also bei uns, nicht etwa irgendwo!!
Es waren ganz normale Binger Bürger wie Sie und ich, lediglich mit dem „Makel“ Jude zu sein, versehen.
 Ich war sehr dankbar, dass Herr Dr. Peter Frey, der Chefredakteur des ZDF, heute bei der 175-Jahrfeier des SGG Bingen auch an die Schüler dieses Gymnasiums erinnerte, die nicht mehr zurückkamen.
Anrede;
Ich bin sehr dankbar, dass es immer noch Zeitzeugen gibt, die es trotz ihres mittlerweile fortgeschrittenen Alters auf sich nehmen, von der damaligen Zeit und von den unfassbaren Gräueltaten in dieser Zeit zu berichten.

Ich gebe nun gerne das Wort an Herrn Krasnokucki weiter.
Vielen Dank

 

Ignacy Arthur Krasnokucki wurde 1925 als jüngster von drei Brüdern in Lodz geboren. Wenige Tage nach der Eroberung Polens wurde die Familie ins „Ghetto Litzmannstadt“ umgesiedelt, wo auf einem Zehntel der Stadtfläche rund ein Drittel ihrer Bevölkerung zu wohnen hatte.
Seine beiden Brüder flohen nach Russland, der Vater wurde am 31.01.1940 verhaftet und kehrte nie wieder zurück. Ignacy Krasnokucki versuchte im Ghetto mit seiner Mutter zu überleben.
Nach einer Razzia im März 1944 wurde er in ein Arbeitslager nach Czestochowa gebracht. Er überlebte dort und in Buchenwald, weil er als Hilfselektriker „von Wert" für die Nazis war. Er berichtet von täglich zwölf Stunden Arbeit und langen Fußmärschen vom Lager zu den Produktionsstätten. Nach der Auflösung des Lagers 1945 gelang ihm auf einem Todesmarsch die Flucht. Während einer Wasserrast, wo die Bewegungsfreiheit anders als während des Marschierens 10-15m betrug, entdeckte er zusammen mit einem Freund ein Abwasserrohr, in dem sich beide versteckten und so entkamen.
Nach dem Krieg hat er in der Buntmetallindustrie und in Projektbüros gearbeitet und gleichzeitig studiert. Er ist Doktor der Chemie. Heute ist er pensioniert, hat zwei Kinder, sechs Enkel und eine Urenkelin.
In den 90er Jahren wurde Ignacy Arthur Krasnokucki von der "Survivors of the Shoah Visual History Foundation" interviewt. Diese vom amerikanischen Regisseur Steven Spielberg nach der Verfilmung von "Schindlers Liste" gegründete Organisation sammelte weltweit Berichte von Überlebenden, um sie als Arbeits- und Lehrmaterialien zugänglich zu machen.
Hintergrund:
Seit 2001 besuchen polnische KZ- und Ghetto-Überlebende regelmäßig unsere Region. Diese Besuche werden organisiert vom Bischöflichen Ordinariat Mainz in Kooperation mit dem Maximilian-Kolbe-Werk.
Einer dieser Zeitzeugen ist Ignacy A. Krasnokucki. Er hält sich mit fünf anderen polnischen Überlebenden für eine Woche im Kloster Jakobsberg auf, wo verschiedene Schulen die Zeitzeugen treffen.

Veranstalter:
•    Arbeitskreis Jüdisches Bingen,
•    BDKJ/ Bischöfliches Jugendamt und Seelsorgeamt Mainz,
•    Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus in RLP – Beratungsknoten Mainz/ Rheinhessen/ Nahe,
•    Ev. Christuskirchengemeinde Bingen,
•    Ev. Johannesgemeinde Bingen,
•    Kath. Dekanat Bingen,
•    Maximilian-Kolbe-Werk Freiburg,
•    Pax Christi Diözesanverband Mainz,
•    Rheinhessen gegen Rechts,
•    Volkshochschule Bingen.

Weitere Informationen:
Katja Steiner, 06131-253685, katja.steiner[at]bistum-mainz.de
Alois Bauer, 06131-253263, alois.bauer[at]bistum-mainz.de