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Weit verzweigter Stammbaum

JÜDISCHES BINGEN Arbeitskreis hilft Nachkommen von Familie Simon bei Spurensuche

Von Beate Goetz (Vorstandsmitglied im Arbeitskreis jüdisches Bingen)

BINGEN. Zu zwei dicht gedrängten Besuchstagen kamen kürzlich Nachkommen der weit verzweigten jüdischen Familie Simon, die mit dem gemeinsamen Vorfahren Daniel Simon ihre Wurzeln in Gensingen hatten. Wieder einmal konnte der Arbeitskreis Jüdisches Bingen Hilfestellung geben, damit die knapp bemesse-ne Zeit der Besucher für intensive Erkundungen genutzt werden konnte.

Aus USA und England

Mike Simons aus Tucson, Arizona, hatte schon 2008 Kontakt mit dem Arbeitskreis aufgenommen, da er im Austausch mit zwei weiteren Verwandten einen umfassenden Familienstammbaum erstellen wollte. Damals ging er noch davon aus, sein Urgroßvater Bernhard Simon sei um 1890 als Dreizehnjähriger von Bingen aus nach Nordamerika ausgewandert, tatsächlich aber kam er aus Gensingen. Bis heute blieb ungeklärt, wie oder mit wem er in die Staaten gelangte, denn seine Eltern Ferdinand und Henrietta Simon ruhen auf dem Gensinger jüdischen Friedhof. Belegt ist, dass Bernhard Simon im amerikanischen Krieg gegen Spanien 1898/99 kämpfte, ehrenvoll 1902 aus der Armee entlassen wurde und 1942 in Philadelphia starb.
Der Urenkel nutzte eine Europareise, die ihn und seine Frau Laura Tanzer nach Rom und Barcelona führte, für einen Kurzbesuch in Bingen und Gensingen. Hier kam es zum ersten Treffen mit seinem Cousin fünften Grades, Gerald Stern aus Newcastle an Tyne in England, der mit seiner Frau Monica zuvor einige Tage in Baden-Baden verbracht hatte. Gerald Stern ist der Ururenkel von Seligmann Simon, der 1865 von Gensingen kommend in Büdesheim eine Weinhandlung gründete. Als seine Söhne Elias, Julius und Moritz in das Unternehmen eintraten und es expandierte, verlegte man die Firma nach Bingen, wo Seligmann Simon in der Mainzer Straße einen stattlichen Familiensitz errichten ließ. Die Weinhandlung ging Ende der zwanziger Jahre bis zur Arisierung an die jüdische Firma Fromm über. Seligmann Simon und seine Frau sind in Bingen bestattet, ebenso seine Söhne Elias und Moritz mit ihren Gattinnen. Julius Simon floh mit seiner Familie nach Nordamerika. Gerald Stern ist ein Urenkel von Seligmann Simons Tochter Bertha.
Für die Friedhöfe in Bingen und Gensingen nahmen sich die Nachkommen viel Zeit, um anhand ihres inzwischen stattlich angewachsenen Stammbaums, den sie Dank modernster Technik jederzeit abrufen konnten, die Familiengräber aufzusuchen.
Gerald Stern gehört dem Stamm der Kohanim an, die durch die männliche Linie direkte Nachkommen von Aaron und seinen Söhnen sind. Die Kohanim waren Priester im Tempel von Jerusalem. Auf dem Grabstein eines Kohen befindet sich oft das Symbol der segnenden Hände.

Haus geöffnet

Ein besonderes Erlebnis für die Nachkommen war der Besuch des ehemaligen Familiensitzes in der Mainzer Straße, wo durch private Vermittlung die heutigen Besitzer des Anwesens gerne Haus und Keller öffneten (siehe auch "Die Weingroßhandlung Seligmann Simon")
Ein weiteres Highlight erwartete Gerald und Monica Stern am nächsten Tag in London, da das Paar zum Tee im Garten von Buckingham Palace eingeladen war, eine Ehre, die jedes Jahr ausgewählten Bürgern zuteil wird. Gerald Stern hatte fünfundzwanzig Jahre lang als Friedensrichter am High Court gewirkt.
Inzwischen ist ein lebhafter Mailkontakt der Besucher mit anderen Simon-Nachkommen in Gang gekommen, deren Adressen der Arbeitskreis durch seine umfangreiche Korrespondenz beisteuern konnte.

Gerald und Monica Stern mit Mike Simon und seiner Frau Laura Tanzer (von links) vor dem jüdischen Gensinger Friedhof