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Jüdischer Friedhof Kaub

Der Stein schreit aus der Mauer. Die Reste des jüdischen Friedhofs in Kaub.
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Lehren aus Geschichte werden wach gehalten

STOLPERSTEINE: Gunter Demnig, Schöpfer des größten dezentralen Mahnmals der Welt, verlegt Gedenktafeln an NS-Opfer in Bacharacher Langgasse
Rhein Main Presse: Jochen Werner

"Wir dürfen nicht verdrängen, was nicht zu verdrängen ist", sagte Dichter Friedrich G. Pfaff vor dem Haus, aus dem sein Onkel Heinrich deportiert wurde. Foto: Jochen Werner

BACHARACH. In kleineren Städten seien Aufregung und Anteilnahme tendenziell größer als in Metropolen. Gunter Demnig, Schöpfer des größten dezentralen Mahnmals der Welt, verlegte Freitag, den 22.08.2014, in Bacharach vier mit Messingplatten besetzte Stolpersteine in der Bacharacher Langgasse.
Start im Jahr 2013
Es geht um das Begreifen, um die Erinnerung an das schlimmste Verbrechen der Menschheit, den systematischen Massenmord an den Juden, die „Vernichtung unwerten Lebens" (Aktion T4) und die Euthanasieprogramme in der NS-Diktatur. Ulla Büttner, Dr. Dagmar Aversano-Schreiber und Peter Keber hatten 2013 mit Dieter Kochskämper den „Arbeitskreis Stolpersteine für Bacharach" ins Leben gerufen, nachdem Büttner und ihre Mutter Inge Schmidt den Anstoß gegeben hatten.
Der Grund: 1959 kauften Inge und Erich Schmidt ein Haus, das bis 1942 im Besitz der Schwestern Bertha und  Jenny Wolff war. Beide wurden deportiert und starben, degradiert zu Nummern, im August 1942 in Theresienstadt.
Fünf Personen jüdischen Glaubens konnte Büttner eruieren, die von Bacharach aus in die Todeslager abtransportiert wurden. Zwei weitere fielen den Euthansieprogrammen der Nazis zum Opfer. Vier Gedenksteine konnten in der Langstraße verlegt werden, weil nicht alle Hauseigentümer mit der Anbringung der Mahnmale einverstanden waren. Nun wird an Willi (geboren 1894) und Emma Keller (1893) gedacht, die in Theresienstadt den Tod fanden. An Antonie Herzberg (1862), die als 80-Jährige erst nach Theresienstadt deportiert und Monate später direkt nach der Ankunft in Treblinka vergast wurde. Außerdem an Heinrich Paff (1895), der in der Aktion T4 in die „Heilanstalt" Andernach kam und am Tag seiner „Verlegung" am 7. Mai 1941 in Hadamar ermordet wurde. Für ihn fand sein Neffe Friedrich G. Paff bewegende Worte.
„Wachsam sein für die Zukunft" nannte Franz-Josef Riediger die zentrale Botschaft der ersten Stolpersteinverlegung in Rhein-Nahe. Der VG-Chef dachte an das Schicksal seiner Familie zurück, an den Verlust der Großväter im  Krieg, an die Vertreibung der Vaterfamilie aus Ostpreußen. Der Krieg und seine Folgen bleiben präsent. Bacharach ist ein beredtes Pflaster. In der  Stadt, in der der Titel „Hitler-Höhe" mit der Einweihung des „Heinrich-Heine-Blicks" 2011 endlich auch im Bewusstsein der Einwohner  langsam in den Hintergrund tritt, ist die Bedeutung der Verständigungsarbeit erkannt. Wenn es um Toleranz gehe, sei die Verlegung von Stolpersteinen am Ende nur konsequent, bedachte Keber, als Demnig die ersten Steine ins Pflaster vor der Hausnummer 43 einzementierte.
„Wird niemals Routine"
Routine werde sein Tun nie, bestätigte Demnig im Rathaus vor über 60 Anwesenden. „Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen", berichtete der 66-Jährige aus einem Schüler-Kommentar, der den blank polierten Steinen den Namen gab. Mit ihnen geht Demnig dahin, wo das Grauen die Häuser erreichte. Allerdings gebe es auch positive Seiten: „Für viele Überlebende und Angehörige sind das Schlusssteine", erfuhr er, dass dank ihrer auch Familienzusammenführungen geschehen konnten.
Die Lehren aus der Geschichte wach halten, den Opfern ihre Namen zurüchgeben, mahnte Adam Schmitt als Kreisbeigeordneter mit Hinweis auf Kritiker und aktuelle Bezüge wie etwa die „ISIS-Kämpfer" an, „bei Risiken und Nebenwirkungen" ruhig einmal den Geschichtslehrer zu fragen. Die Steine seien gleichermaßen unaufdringlich und eindringlich.
„Die Komplexität des Themas ist Wahnsinn", fand Pfarrer Michael Knipp wichtig, Zeichen zu setzen, die zum Denken anregen „und eventuell auch einmal weh tun". Demnigs Stolpersteine können das, so klein, unscheinbar und gewöhnlich sie auf den ersten Blick sein mögen.

Für mehr Information lesen Sie bitte die
Dokumentation zur ersten Stolpersteinverlegung in Bachacharach am Rhein
zusammengestellt von Dagmasr Aversano Schreiber

Stolpersteine für Willi und Emma KellerLangstrasse 43: Geschwister KellerStolperstein für Antonnie HerzbergBauerstrasse 5 / Ecke Langstrasse: Antonie HerzbergStolperstein für Heinrich PaffLangstrasse 25: Heinrich Paff