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Gedenkveranstaltung an der ehemaligen Synagoge am 9. Nov. 2018

Rede von Ron Leeser

Guten Abend und vielen Dank für die Einladung zur Teilnahme an diesem bedeutungsvollen Gedenken. Shabbat Shalom. Da wir vor der Synagoge stehen, und es ist der Abend, an dem der Sabbat beginnt, begrüße ich Sie alle mit traditionellem jüdischen Gruß, Shabbat Shalom, ein friedvoller Sabbat. Und ich sage diese Worte, denke ich, mit Schmerz in meinem Herzen, wegen der 11 Menschen, die sich in dieser Weise in einer Synagoge in Pittsburgh, Pennsylvania grüßten, als sie tragischer Weise von einer hasserfüllten, irrationalen Person erschossen wurden. Bei diesen Menschen sind heute Abend meine Gedanken, und ich hoffe, dass ihre Familien Trost finden.
Als ich damit begann, meine Anmerkungen für den heutigen Abend vorzubereiten, hatte ich Schwierigkeiten damit, wie ich denn beginnen würde. Zuerst wollte ich einfach sagen: Ich fühle mich sehr geehrt hier zu sein. Ich fühle mich, in der Tat, geehrt hier zu sein, aber ich fühle auch, dass diese Ehre meiner Mutter gilt, die leider nicht lange genug lebte, um die Erinnerung an die Kristallnacht in ihrem Heimatort mitzuerleben. Die Ehre gilt meinen Großeltern, die in Bingen lebten, arbeiteten und ihre Kinder großzogen. Die Ehre ist für all die Opfer, die diesen Terror nicht überlebten. Die Ehre ist für meine Urgroßmutter.

Die Geschichte meiner Urgroßmutter
Ich möchte Ihnen von meiner Urgroßmutter Karolina Sommer erzählen. Ich weiß nicht sehr viel über meine Urgroßmutter, genauso wie ich nicht viel über einige meiner Vorfahren weiß. Aber ihre Geschichte und ihr Erbe kann beispielhaft dastehen für die Geschichte und das Erbe vieler Binger Familien. Ich weiß, dass Karolina die zweite Frau meines Großvaters Hermann Sommer war, der sein Leben lang ein Bewohner von Bacharach Steeg gewesen war. Sie heirateten kurz nach dem Tode seiner ersten Frau. Nachdem ihr Mann gestorben war, lebte Karolina mit ihren Kindern in Bingen. Soweit ich irgendwie nach bestem Wissen sagen kann, starb Karolina im Binger Krankenhaus im Mai 1942, vermutlich eines natürlichen Todes, im Alter von 90 Jahren. Wir wissen nicht wo sie begraben wurde.
In ihrem Leben brachte Karolina vier Kinder zur Welt. Drei Söhne und eine Tochter. Ihre Tochter Jenny ließ sich in Bingen mit ihrem Ehemann David Friedmann nieder. Ihre drei Söhne dienten in der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg. Zwei der Söhne, namentlich Hugo und Berthold, starben auf den Schlachtfeldern Frankreichs. Sie waren junge, unverheiratete und kinderlose Männer. Glücklicherweise überlebte ihr dritter Sohn Sally, mein Großvater, den Militärdienst in Frankreich. Er heiratete Ida Sommer, hatte drei Kinder und ließ sich als Händler in Bingen nieder. Diese Leute waren stolze deutsche Bürger.
Dieses Leben der stolzen deutschen Bürger Bingens änderte sich dramatisch in den 1930er Jahren. Mein Großvater wurde am 9. November während der Kristallnacht festgenommen. Er kam 6 Wochen später wieder nach Hause. Seine Familie hatte nicht gewusst wo er gewesen war. Meine Mutter wiederholte später immer wieder, dass er nicht mehr der Selbe wie vor seinem Aufenthalt gewesen sei.
Im März 1942, also zwei Monate bevor Karolina starb, wurden zwei ihrer Kinder, zusammen mit ihren Partnern und zwei von drei Enkelkindern, von Bingen nach Polen deportiert. Von keinem von ihnen gab es jemals mehr ein Lebenszeichen.
Das war das Erbe des 90-jährigen Lebens der Karolina Sommer. Vier Kinder zog sie bis ins Erwachsenenalter groß und drei Enkelkinder. Und nur ein Enkelkind überlebte. Dieses Enkelkind war meine Mutter.

Die Geschichte meiner Mutter
Meine Mutter, Ellen Sommer, verließ Deutschland 1940 im Alter von 19 Jahren. Sie war die einzige Person in ihrem unmittelbaren Familienkreis die Deutschland verließ und den Holocaust überlebte. Meine Mutter starb 63 Jahre nachdem sie ihre Familie zum letzten Mal gesehen hatte; sie hat niemals eine endgültige Bestätigung bezüglich ihres Schicksals erhalten.
Die Reise meiner Mutter in die USA war eine sehr lange. Zunächst flog sie von Berlin nach Moskau. Von Moskau aus nahm sie die Transsibirische Eisenbahn durch Russland und China, die Mandschurei und Korea. Zusammengenommen war dies eine zweiwöchige Reise. Aufgrund des Kriegsgeschehens durfte sie den Zug während dieser zwei Wochen nicht verlassen. Von Korea aus ging sie nach Japan, wo sie nach einer Woche auf das Schiff „SS President Coolidge“ ging, um nach Hawaii und von dort aus nach San Francisco zu fahren, wo sie dann ihr neues Leben begann; eine junge Frau, 19 Jahre alt und komplett alleine. Sie verliebte sich in San Francisco, eine Liebe, die ein Leben lang andauern sollte. Es war in San Francisco, wo sie meinen Vater kennenlernte.
Mein Vater Hans Leeser verließ Herford in Deutschland im Jahr 1938 im Alter von 17 Jahren, zusammen mit seinen Eltern, seinem Bruder, und dem Bruder und der Schwester seiner Mutter. Sie verließen Deutschland zwei Monate vor der Kristallnacht. Sie betraten die USA in New York und fuhren weiter zur Stadt Cincinatti, um den Bruder meines Großvaters zu treffen. Weil meine Großmutter das Wetter dort nicht mochte, setzten sie ihre Auswanderung weiter nach Seattle fort, wo sie sich dann auch niederließen und amerikanische Staatsbürger wurden. 1943 trat mein Vater in die Armee ein und diente während des Krieges in Burma und Indien.
Bevor er nach Burma versetzt wurde, war mein Vater in den Berkeley Hills in der Nähe von San Francisco stationiert. Durch einen gegenseitigen Freund lernte er meine Mutter kennen und innerhalb von sechs Wochen verlobten sie sich, um zu heiraten. Sie entschlossen sich jedoch nicht vor Ende des Krieges zu heiraten. Mein Vater wurde 1946, also fast eine Jahr nach Kriegsende,  aus der Armee entlassen. Er kehrte umgehend nach San Francisco zurück und innerhalb von zwei Wochen heirateten sie.
Ich wurde 1948, also zwei Jahre nach der Hochzeit meiner Eltern und drei Jahre vor meinem Bruder Ken, geboren.
Ich lasse die Ereignisse der nächsten Jahrzehnte aus und springe in den Mai 2017.
Letztes Jahr standen meine Frau Gale und ich vor einem Haus in Bingen. Wir hatten uns dazu entschieden, eine Reise ins Heimatland meiner Eltern zu machen und zu sehen, wo sie und ihre Familien aufgewachsen sind und gelebt haben. Ich bin damit aufgewachsen einen Großelternteil zu kennen und zu wissen, dass dem anderen, das ich nie kennengelernt habe, etwas Grauenhaftes passiert ist. „Hitler hat sie ermordet“, war normalerweise die gängige Erklärung. Die Wahrheit aber ist, dass meine Mutter nie wirklich wusste, was ihren zwei Brüdern und Eltern geschehen ist. Sie starb 63 Jahre nachdem sie sie zum letzten Mal gesehen hatte und sie wusste nie wo und wann sie gestorben sind. 
Vielleicht aufgrund dieser Familienmysterien und den Lücken in meinem Wissen bezüglich meiner Vorfahren, wurde ich zu einem Familienhistoriker. Wie ein Briefmarkensammler oder Sammler von Baseballkarten wurde ich zu einem Sammler von Namen, Geburtsorten, Geburtstagen und Begräbnisplätzen von Verwandten.
Ich erkannte, dass all die gesammelten Informationen wirkliche Personen und reale Plätze repräsentierten. Ich entschied mich dazu, diese realen Plätze zu besuchen; die Straßen entlang zu gehen und die Luft zu atmen, die meine Vorfahren geatmet hatten und einige meiner Vorfahren, die hier begraben liegen, zu besuchen. Ich habe in der Tat die Gräber von sechs meiner acht Urgroßeltern besucht. Darunter das von Gabriel Blumenthal, der auf dem Binger Friedhof begraben wurde, und das von  Hermann Sommer, Karolinas Ehemann, der in Bacharach begraben wurde.

So, jetzt waren wir hier in Bingen, in der Nähe des fantastischen Flusses Rhein mit seinen Weintrauben, die auf den Hängen hinter uns wuchsen. Bingen ist ein Ort von erstaunlicher Schönheit. Wir standen vor einem Haus in der Gaustrasse 14, zusammen mit Herrn Kremer und Herrn Gundlach, die Mitglieder des Vereins “Arbeitskreis jüdisches Bingen“ sind. Einer von vielen Vereinen in Deutschland, die sich dazu entschieden haben die Erinnerungen an die jüdischen Bürger und die jüdische Geschichte zu bewahren. 
Auf dem Boden vor uns sind vier Kupferblatten auf Steinen angebracht. Dies sind die Stolpersteine. Stolpersteine sind ein von einem deutschen Künstler namens Gunter Demnig ins Leben gerufenes Projekt. Das Projekt sieht vor, diese Kupfersteine vor die Wohnhäuser deutscher Juden zu setzten,  dort wo sie zuletzt vor ihrer Deportation lebten. Die Steine beinhalten die Namen, die Geburtsorte, die Deportationsdaten, die Zielorte der Deportationen und wenn bekannt die Todesdaten.
Auf den Steinen vor uns sind die folgenden Namen eingraviert: Sally Sommer, Ida Somer, Erwin Sommer und Heinz Sommer – Die Eltern meiner Mutter und ihrer Brüder.
Einfache Kupferplatten auf Steinen. Ich werde nie genau wissen, wann oder sogar wo meine Großeltern und zwei Onkel starben, aber ich bin mir sicher, dass sie nie begraben wurden.
Indem ich auf diese Steine schaute, überfiel mich Traurigkeit und Trauer, da ich fühlte, dass ich den letzten Ruheort von Menschen besuchte, die nie eine ordentliche Trauerfeier oder eine Begräbnis erhalten haben.
Schlusswort
Das bringt uns hier heute Abend zusammen. Ich sagte anfangs, dass wir hier her gekommen sind, um  meine Familie zu ehren und die zu erinnern, die nicht hier sein konnten um erinnert zu werden.
Wir sind auch hier zusammengekommen, um euch, die Menschen aus Bingen, die diese Veranstaltung ausrichten und vor allem die des Arbeitskreises jüdisches Bingen, die die  Erinnerung an die jüdischen Bürger bewahren, zu bestärken. Was ihr heute Abend hier macht ist sehr wichtig.

Der spanische Philosoph George Santayana sagte: „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen."
 Trauriger Weise gibt es heute Menschen, die die Ereignisse von damals abstreiten. Und noch trauriger ist, dass eine kürzliche Umfrage unter Amerikanern unter 30 Jahren gezeigt hat, dass 22 Prozent noch nichts vom Holocaust gehört haben oder sich diesbezüglich unsicher waren. 66 Prozent konnten nicht genau sagen, was Auschwitz ist oder wo es sich befindet. Erinnerungen wie diese hier heute sind sehr wichtig. Ich bestärke sie darin, diese weiterhin zu unterstützen.
Geschichte besteht nicht einfach nur aus Daten, Zahlen oder politischen Führern. Geschichte besteht aus den Erlebnissen jedes Einzelnen und jeder Familie die zu besagter Zeit lebte. Und Geschichte darf nicht einfach nur in der Vergangenheit vorkommen. Geschichte ist unsere Geschichte. Geschichte endet nie. Heute sind wir das Verbindungsglied zwischen dem, was in der Vergangenheit geschehen ist und dem, was wir in der Zukunft tun. Rabbi Tarfon, eine jüdische Legende, der vor 2000 Jahren lebte, sagte: „es liegt nicht in deiner Verantwortung die Arbeit an der Perfektionierung der Welt zu beenden, aber du darfst die Arbeit daran auch nicht unterlassen“. Lasst uns weiter an der perfekten Welt arbeiten.

Danke an alle für die Erinnerung.