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"Dr. Rüböl" mit Weinbergen

Drei Generationen: Dr. Isaac Ebertsheim; Sohn Rudolf und Enkel Walter.Drei Generationen: Dr. Isaac Ebertsheim (geboren 31. Dezember 1818, gestorben 5. Februar 1901), Sohn Rudolf und Enkel Walter.

Dem Binger Ehrenbürger Dr. Isaac Ebertsheim zum 100. Todestag
von Beate Goetz

"Er hatte eine dicke, rötlich blaue Trinkernase, Backenbart, ausrasiertes Kinn, war klein, stämmig, rauchte lange Studentenpfeifen mit Fidibus. Er sprach und ging sehr langsam."
So wird Dr. Isaac Ebertsheim in der Familienchronik beschrieben. Geboren wurde er 1818 im alten Stammhaus der Familie in der Binger Judengasse als zweites Kind von Benjamin Wolf Ebertsheim II und seiner Frau Wilhelmine (Mina) geborene Lemge. Vermutlich war es der Vater, der den Familiennamen Wolf, der sich auf ein Haus "Zum Wolf" bezog, durch den Herkunftsnamen Ebertsheim ersetzte. Die Chronik weist den Vater als "fripier" oder Handelsmann aus, der einen Weinhandel, er war orthodox und Schofarbläser in seiner Gemeinde.
Warum Isaac erst mit sieben Jahren richtig sprechen lernte, sagt die Chronik nicht. Vielleicht ist dies aber die Erklärung dafür, dass ein katholischer Geistlicher sich des Jungen annahm und ihn unterrichtete, bis er mit zwölf Jahren in ein Mainzer Gymnasium eintrat. Nach dem Abitur studierte er in Gießen Medizin, hörte nebenbei Mathematik, Weltgeschichte und bei Justus von Liebig Chemie. Als junger Landarzt wirkte er im Odenwald und an der Nidda, 1847 praktizierte er in Bingen.

Das Haus in der Judengasse mit der Nr. 413, in dem Isaak Ebertsheim und seine Geschwister geboren wurden, wird im Stammbaum der Familie immer das „Alte Haus“ oder das „Stammhaus“ genannt. Das Haus existiert heute noch unter der Nr. 14 in der Rathausstraße. Es liegt hinter einem Tor und steht im rechten Winkel zum 1858 von Dr. Isaak Ebertsheim erbauten einstöckigen Haus in der Amtstraße 11. Dr. Isaak und sein Sohn Rudolf praktizierten nacheinander in diesem Haus.

Noch vor seiner Heirat 1858 baute er hinter seinem Elternhaus zur Amtsstraße hin ein einstöckiges Haus aus roten Sandsteinen. Aus der Ehe mit Auguste Emden gingen drei Kinder hervor. Adelheid Johanna, die Älteste, starb noch vor der Geburt Mathildes im Jahr 1863; diese heiratete später in Mainz. 1865 folgte ein Sohn, Rudolf, der nach seinem Medizinstudium die väterliche Praxis übernahm, Vorsitzender des Roten Kreuzes im Kreis Bingen und Mitglied der Binger Freimaurerloge "Zum Tempel der Freundschaft" war. Er verließ Bingen 1926 und starb 1935 in Meran. Direkte Nachkommen Isaac Ebertsheims leben heute in der Schweiz, in den USA und in England.
Obwohl er als junger Arzt das Physikat-Kreisarzt-Examen mit dem Prädikat "gut" ablegte, verweigerte man Isaac Ebertsheim die Kreisarztstelle, weil er Jude war. Er wirkte lange Jahre als leitender Arzt am örtlichen Hospital, betreute das Lazarett für Schwerkranke im Krieg 1870/71 und war Armen- und Bahnarzt. Auch Ida Dehmel Coblenz, in Bingen geborene Jüdin, Begründerin der Gedok und für kurze Zeit geistige Wegbegleiterin Stefan Georges, erblickte mit seiner Hilfe das Licht der Welt.
Zusammen mit seinen Brüdern bewirtschaftete "Dr. Rüböl", wie er in Anspielung auf seine an der Naturheilkunde ausgerichteten Behandlungsmethoden im Volksmund hieß, zeitweise 14 eigene Weinberge und sechs hinzugepachtete. Noch heute kauft einer seiner Urenkel Weine aus eben diesen Lagen, wenn er den jüdischen Friedhof und die Stadt seiner Ahnen besucht.

Grabstein Dr. Isaac Ebertsheim Foto: AKJB

"In dankbarer Anerkennung einer langjährigen, aufopfernden und segensreichen Tätigkeit im Dienste der Armen und Kranken der Stadt" wurde Dr. Isaac Ebertsheim an seinem 80. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt verliehen. Mit 82 Jahren starb der beliebte Arzt an Altersschwäche und wurde auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt. Auf Anregung seines Enkels, Dr. Rudolf Frank, beschloss der Binger Stadtrat 1960 einstimmig, eine kleine Straße nach dem jüdischen Ehrenbürger zu benennen.
Dass die Kunde dieser lobenswerten Geste nicht nur die Nachkommen freute, davon zeugt ein Brief, der kurze Zeit später aus Übersee eintraf und an den Binger Stadtrat gerichtet war. Karl Schiffmann, der mit seinem Vater vor den Nazis aus seiner Heimatstadt geflohen war, schrieb: „Sollte es möglich sein, dass das alte Bingen wieder aufersteht - wo der gute Wein den Bingern das Geheimnis lehrte, dass Glück und Zufriedenheit dort blüht, wo alle Menschen gemeinsam auf derselben Wirtshausbank sitzen können, um sich freundlich zu unterhalten, Hoch und Niedrig, Arm und Reich - Christ und Jude!"