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Julius Landau (ein Binger Bankier)

(1) Werdegang
(2) Erste Weltkrieg
(3) Die Zeit danach

Julius Landau - ein dem Gemeinwohl verpflichteter Binger Bankier

Ein Beitrag von Werner Grandjean

(1) Werdegang

1. Auf dem Friedhof der ehemaligen jüdischen Gemeinde Bingen oberhalb des Waldfriedhofes sind auf einem schlichten, gleichwohl schönen Grabstein die Inschriften „Julius Landau, 1858 — 1924' und „Frieda Landau, geb. Schwabe, 1865 — 1922' zu lesen.

Heute weiß kaum noch jemand, um wen es sich bei dem Ehepaar Landau handelt. Dabei zählten die Landaus einst und über viele Generationen zu dem bedeutenden jüdischen Wirtschaftsbürgertum in der Stadt Bingen. Der am 12. September 1858 geborene Julius Landau engagierte sich in vielen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, während der schweren Kriegsjahre und auch noch in den Anfangsjahren der Weimarer Republik tatkräftig im politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben der Stadt.

Die Landaus gehörten zu den zahlreichen jüdischen Familien, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit ihren Handelsunternehmen die Binger Altstadt verließen und sich in einer der neu entstehenden Straßen außerhalb der bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts niedergerissenen mittelalterlichen Stadtmauer niederließen. Im Jahre 1891 verlagerte die Familie den Wohnsitz und die Privatbank, die Julius und der 5 Jahre jüngere Emil in der Nachfolge von Gabriel und Leopold Landau betrieben, in ihr neues, durch anspruchsvolle Architektur gekennzeichnetes und Wohlstand bezeugendes Anwesen in der damaligen Mainzerstraße 28/30. 1)

Das Bankhaus wurde bereits im Jahr 1838, also noch in der Altstadt, gegründet. Es war damit die älteste der insgesamt drei in Bingen ansässigen jüdischen Privatbanken. Bis zum Beginn der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als sie im Rahmen einer umfassenden Bankenkonzentration in Großbanken aufgingen, gingen sie ihren Geld- und Handelsgeschäften in Bingen und der Region nach. 2)

Lange bevor die Landaus die den jüdischen Mitbürgern durch die französische Revolution, Napoleon und das Großherzogtum Hessen - Darmstadt gewährten Freiheiten zur Gründung ihrer Privatbank und ihrer Handelsgeschäfte nutzten, waren sie schon als sog. „Schutzjuden" in Bingen ansässig und im Geldverleih und anderen Handelsgeschäften tätig. 3) Erstmals im 17. Jahrhundert in Bingen belegt, hatten sie, die früh zu den wohlhabenden Binger Juden gehörten und in ansehnlichen Häusern in der „Judengasse" wohnten, auch in der jüdischen Gemeinde immer wieder herausragende Ämter inne. 4) Wiederholt stellte die Familie im 18. und 19. Jahrhundert angesehene Vorsteher der Gemeinde. So war Gabriel Landau, der Vater von Julius, im Jahre 1890 Gemeindevorsteher. 5)

2. Julius Landau reihte sich also in die lange Tradition seiner Vorfahren ein, wenn auch er sich stark in der jüdischen Gemeinde engagierte:
Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Bau der neuen Synagoge in der Rochusstraße, die Mittelpunkt gelebten jüdischen Glaubens und Zeugnis für Hoffnung und Zuversicht in eine gute Zukunft der jüdischen Gemeinde in Bingen sein sollte, in die konkrete Planungsphase eintrat, war Julius Landau Präses des Gemeindevorstandes. In dieser Funktion gehörte er dem Preisrichter-kollegium an, das sich für den Entwurf des Baurats Prof. Levy aus Karlsruhe entschied. Als Präses trug Julius Landau maßgeblich Verantwortung für die Finanzierung der neuen Synagoge. Er setzte sich mit Erfolg dafür ein, dass die Arbeiten an dem Projekt überwiegend an Unternehmer und Handwerker aus Bingen vergeben wurden. 6)

Über sein Engagement als Präses der Gemeinde hinaus brachte sich Julius Landau intensiv in das Gemeindeleben ein. So unterstützte er die Gemeinde zusätzlich zu seinem Beitrag als Steuerzahler durch Spenden: „Der Kidduschwein, viele Jahrzehnte von den verewigten Vorstehern Gabriel Landau und Bernhard Groß gespendet, wird jetzt vom Gemeindepräses Julius Landau gestellt." 7)
In dem vor allem die hilfsbedürftigen Gemeindemitglieder unterstützenden Vereinsleben engagierte sich auch Frieda Landau, die Gattin von Julius. Sie war Mitglied im „Frauenkrankenverein". Julius Landau selbst gehörte dem „Brautausstattungsverein", dem „ Humanitätsverein", dem „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" und als Vorsitzender dem „Synagogenchorverein" an. 8) Mathilde Mayer würdigt in ihren „Erinnerungen" die tatkräftige Unterstützung, die der Rabbiner Dr. Richard Grünfeld bei der Erneuerung des jüdischen Gemeindelebens um die Jahrhundertwende durch Julius Landau erfuhr. Insbesondere hob sie Landaus Bemühungen um die Anhebung des musikalischen Niveaus in der Synagoge hervor. 9)

3. Die Verwurzelung in der Familie mit den beiden Töchtern und in der jüdischen Gemeinde und auch die durch das erfolgreich geführte Bankhaus geschaffene wirtschaftliche Unabhängigkeit waren das Fundament, auf dem sich Julius Landau vielfältig in seiner Heimatstadt Bingen ehrenamtlich einbrachte: Emil und Julius Landau gehörten als Besitzer und Betreiber der Privatbank zu den einkommensstärksten Bürgern und damit zu den höchsten Steuerzahlern der Stadt. Im „Verzeichnis der in der Gemeinde Bingen zur Stadtverordneten — Ersatzwahl wahlberechtigten Personen, welche zu dem höchstbesteuerten Dritteil der Wählbaren gehören" von 1913 wurden Emil Landau an 3. und Julius Landau an 5. Stelle in der Rangfolge der zur Einkommenssteuer verpflichteten Bürger geführt. 10)

3.1. Über Jahrzehnte war Julius Landau Mitglied der Stadtverordneten-versammlung. Parteipolitisch gehörte er der nach dem Ersten Weltkrieg aus der linksliberal orientierten „Fortschrittlichen Volkspartei" hervorgegangenen „Deutschen Demokratischen Partei" an. Steuern und Finanzen bildeten den Schwerpunkt seiner kommunalpolitischen Arbeit. So gehörte er u. a. dem besonders wichtigen Finanzausschuss der Stadtverordnetenversammlung an, in dem weitreichende Entscheidungen zur Höhe und zur Verwendung der städtischen Steuereinnahmen vorbereitet wurden. 11)

Die zahlreichen, sich über viele Jahre erstreckenden Berichte über die Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung in den beiden Binger Tageszeitungen weisen Julius Landau als zuverlässige, konstruktive und in strittige Fragen und hitzigen Auseinandersetzungen auf Ausgleich bedachte Persönlichkeit aus. In seinen besonnenen Redebeiträgen nahm er, der erfahrene Bankier, immer wieder zu Haushaltsfragen Stellung. 12)

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