. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Werner Groß, Lisa Japha: Sie liebten die Musik und den Wein

19.03.2009 - AZ-Bingen von Beate Goetz

Ella Gross, Max Mayer und Friedl Weiss, etwa 1937, beim gemeinsamen Musizieren. Ella Groß, Tochter Ly Japha war bei der Verlegung des Stolpersteines in der Gaustraße selbst mit anwesend

Ly Japha erinnert mit einem Stolperstein in der Gaustraße an ihre Mutter Ella Groß
Rund 150 Binger Bürger jüdischen Glaubens sind Opfer des Holocaust geworden - ihrer wird mit "Stolpersteinen" im Straßenpflaster gedacht. Die AZ stellt ihre Schicksale vor und führt die Serie fort.
Ella Gross wurde am 19. September 1883 in Frankfurt am Main als Tochter von Markus und Rosalie Cahn, geborene Kleeberg, geboren. Tochter Ly Japha erinnert sich, dass die Mutter eine sehr gebildete, musikliebende Frau war, die schon vor ihrer Hochzeit mit dem Binger Weinhändler Paul Wolfgang Gross (geboren am 31. März 1883 in Bingen) Klavierschüler unterrichtete, um sich einen Bechstein-Flügel leisten zu können. So gab es im Hause Gross in der Gaustraße 21 ein Musikzimmer, in dem regelmäßig musiziert wurde.    

Der Ehemann war einer der Teilhaber der Firma Gross & Hausmann, die er zusammen mit Julius Hausmann auf dem weitläufigen Gelände betrieb. Paul Wolfgang und Ella Gross hatten zwei Kinder: Sohn Werner, am 17. Januar 1914 und Lisa Marianne, am 28. Oktober 1921 geboren. Noch in seiner Abiturrede, die Werner Gross 1932 am Binger Gymnasium hielt, lobte er den von der Schule vermittelten "Geist der Kameradschaft, Willen zur Arbeit, die Bereitschaft zum Opfer, das Bewusstsein für die Pflicht und das Gefühl für die Verantwortung."
Verantwortung übernahm er, der bis zur Machtübergabe an Hitler in Genf und Berlin Jura studiert hatte, als der Vater schwer erkrankte und am 25. Juli 1935 starb. Er stieg ins väterliche Weingeschäft ein und ernährte so Mutter und Schwester, bis der Betrieb unter dem Druck der Nazis "für eine Mark", so Ly Japha, verkauft werden musste. Im Februar 1939 flohen die Geschwister nach England, wo Lisa von dem Geld, das ein niederländischer Verwandter auf eine englische Bank überwiesen hatte, eine Ausbildung zur Säuglingsschwester begann. Der Kriegsausbruch machte aus ihr ein "enemy alien", einen feindlichen Ausländer - und sie war wieder in Gefahr. Ein Verwandter, selbst ein renommierter Psychiater, holte sie nach Schottland und ebnete ihr den Weg für eine Krankenschwesternausbildung.
Werner Gross wanderte 1940 nach Amerika aus und trat 1942 als Dolmetscher in die amerikanische Armee ein. Nach dem Krieg arbeitete er in der Möbelbranche, gründete eine Familie und wurde Vater von drei Töchtern und einem Sohn. Im März 1999, kurz nach seinem 85. Geburtstag, starb er nach schwerer Krankheit in Denver. Seine Schwester Lisa Gross kam erst 1947 mit einem Affidavit, das ihr der Bruder besorgt hatte, nach Colorado. Sie heiratete, wurde Mutter von fünf Kindern und freut sich heute über 14 Enkel und elf Urenkel.
Auch Lisa und Werner Gross waren sich bei ihrer Auswanderung sicher, die Mutter könne bald nachkommen; der Kriegsausbruch jedoch machte alle Pläne zunichte. Unter dem Eindruck der drohenden Deportationen heiratete Ella Gross den ebenfalls verwitweten Max Mayer, da man sich gegenseitig Halt geben wollte auf dem Weg, der sich anbahnte. Auch sie wurde am 20. März 1942 nach Polen verschleppt wie so viele der Familie. Noch heute fragt sich die Tochter, ob sie Lublin lebend erreichte oder schon auf dem Transport dorthin starb. Bei ihrem Besuch in Bingen im Mai 2008 stand für Ly Japha fest, dass sie mit einem "Stolperstein" an ihre Mutter erinnern will. Es war ihr wichtig, trotz ihres hohen Alters bei der Verlegung des Steines anwesend zu sein, da sie in diesem Stein den einzigen Ort sieht, der der fehlenden Grabstätte ihrer Mutter nahe kommt, wie sie schreibt. Der Stein wurde in der Gaustraße 21 verlegt.