. . STARTSEITE | KONTAKT | IMPRESSUM

Überblick über die Geschichte der Juden in Bingen

Synagoge in Bingen

Kurzreferat von Dr. Josef Götten auf der Veranstaltung „Bilder des Unrechts“ am 10. November 2009 in der Gedenkstätte KZ Osthofen

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

„Seit dem 12. Jh. bis zur Auswanderung und Deportation 1942 lebten Juden in Bingen.“
So heißt es lapidar auf der Erinnerungstafel an dem erhalten gebliebenen Wohntrakt des ehemaligen Synagogenkomplexes in der Binger Rochusstraße.
„Erbaut 1905, zerstört in der Pogromnacht 9./10. November 1938.“
Heute vor 71 Jahren!

Die zur Einweihung dieser prächtigen Synagoge der  „Israelitischen Religionsgemeinde“ herausgegebene Festschrift von Rabbiner Dr. Richard Grünfeld beginnt mit den Worten:

„Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Bingen sind in tiefes Dunkel gehüllt.
Kein Gedenkbuch berichtet etwas über der Gemeinde Ursprung, kein Stein und keine Inschrift bieten dem Suchenden eine Handhabe, den Zeitpunkt ihrer Entstehung auch nur ungefähr zu bestimmen. Selbst die vieldeutige Sage, die den Ursprung anderer, allerdings bedeutenderer, rheinischer Gemeinden poetisch zu verklären versteht, hier bleibt sie stumm und weiß vom Anfang unserer Geschichte nichts zu erzählen.“

Mögen somit die Anfänge jüdischen Lebens am Rhein-Nahe-Eck im Dunkel der Römer- und Frankenzeit liegen, die erste schriftliche Erwähnung von Juden in Bingen steht in einem Reisebericht des Benjamin ben Jona aus Tudela um 1160.
Wenn etwa 40 Jahre später - im Jahre 1198 - ein damals berühmter Rabbiner namens Elieser ben Joel ha-Levi vor Nachstellungen  aus seiner Vaterstadt Bonn nach Bingen geflohen ist, dann lässt das auf eine „bereits blühende jüdische Gemeinde in der Stadt an Rhein und Nahe schließen“, wie man in der Forschung annimmt. ( Friedrich Schütz in: Bingen. Geschichte einer Stadt am Mittelrhein, S.279)
Und wenn in der Sivesternacht desselben oder des darauffolgenden Jahres auch das Judenviertel in Bingen von marodierenden Kreuzzugsbanden überfallen und geplündert wurde und auch der Flüchtling aus Bonn seine ganze Habe, darunter eine wertvolle Büchersammlung, verlor (s.ebd.), dann offenbart das die dauernd unsichere Lage der als Fremdkörper empfundenen, ja als Gottesmörder gebrandmarkten  jüdischen Mitbürger im mittelalterlich-christlichen Milieu.

Urkundlich wird eine  jüdische Gemeinde in Bingen erst 1321 erwähnt.
Damals gehörte das Binger Land zum Territorium des Erzbischofs von Mainz, dem unter Willigis das einst fränkische Königsgut auf dem Reichstag zu Verona 983 von Kaiser Otto II. geschenkt worden war.
Damit war der Erzbischof Schutzherr der in seinem Herrschaftsbereich lebenden Juden, deren Leben, Eigentum und Religionsausübung gegen eine Gebühr durcheinen Schutzbrief auf Zeit garantiert wurde.

Als die Stadt Bingen 1438 dem Mainzer Domkapitel unterstellt wurde, ging mit der Zeit der Judenschutz auf dieses über.
Unter dem Schutz der geistlichen Obrigkeit wurden das ganze Mittelalter hindurch 6 bis 7 jüdische Familien  – etwa 30 bis 35 Personen - aus wirtschaftlichen Interessen in Bingen geduldet.

Juden waren keine voll- und gleichberechtigten Bürger. Sie waren im Alltag einschränkenden Gesetzen und mannigfachen Sonderabgaben unterworfen, jedoch als Kapitalgeber willkommen.

Man weiß von Ausschreitungen auch gegen die Binger Juden in den Zeiten der Kreuzzüge und der Pest. Man weiß von Ausweisungsanordnungen, die jedoch nicht durchgeführt worden sind.

Im 15. Jh., als die Finanzgeschäfte sich mehr in christliche Hände verlagerten - man denke an die Fugger in Augsburg – wurden die jüdischen Geldverleiher nicht mehr so gebraucht und man versuchte, sich ihrer zu entledigen.
So verfügte der Mainzer Erzbischof Adolf II. von Nassau 1470 die Vertreibung der Juden aus seinem Territorium, was zur Folge hatte,  dass Mainz 100 Jahre lang ohne Juden war.
Diesem Vorgehen schloss sich das Domkapitel zunächst an und ließ am 26. Mai desselben Jahres (1470) durch seinen Amtmann in Bingen den dortigen Juden mitteilen, dass sie bis zum 13. Juli die Stadt zu verlassen hätten.
Das Kapitel übte jedoch - gegen den wiederholt geäußerten Willen des Erzbischofs - keinen Druck aus und duldete weiterhin ihr Verbleiben, sicher nicht ohne Eigennutz.

Wie die Geschichtsforscher betonen,  nahm Bingen im Spätmittelalter unter den jüdischen Gemeinden am Mittelrhein mit weithin angesehenen Rabbinern, Gelehrten und Richtern einen besonderen Rang ein.

In den allgemein für die deutschen Juden relativ ruhigen Zeiten des 16. und 17. Jahrhunderts wuchs die jüdische Bevölkerung allenthalben. Viele wurden ohne Schutzbrief geduldet.

So zählte man 1765 in Bingen bereits 51 jüdische Haushalte mit 343 Personen.
Zehnmal mehr, als bisher Schutzjuden zugelassen worden waren.
Das waren 12 % der 2812 Einwohner der Stadt!
(In Mainz betrug der Judenanteil damals nur 2,3%!)

Seit der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert schwelte die Frage der bürgerlichen Gleichstellung der Juden, deren positive Antwort jedoch erst die französischen Revolutionstruppen im Gepäck hatten und 1792 an den Rhein brachten, die dort ihre Wirkung entfaltete.

So betrieb das Großherzogtum Hessen, dem Bingen 1816 einverleibt worden war, eine den Juden gegenüber emanzipationsfreundliche Politik, was zur Folge hatte, dass die jüdische Bevölkerung auch in Bingen weiter anwuchs, sich überall in der Stadt ansiedelte und bald zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor wurde.
Juden gründeten die ersten Banken in Bingen und waren vor allem im Weinhandel tätig.

Groß war Ende des 19./Anfang des 20. Jhdts. das Engagement der jüdischen Bürgerschaft nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im gesellschaftlichen  und kulturellen Leben der Stadt.

Im Jahr 1900 registrierten die beiden jüdischen Gemeinden – die starke reformorientierte „Israelitische Religionsgemeinde“ und die kleinere orthodoxe „Israelitische Kultusgesellschaft“ – zusammen 713 Angehörige ihres Glaubens, das waren 8% der Binger Einwohnerschaft.
Dieser höchste jüdische Bevölkerungsanteil begann jedoch mit dem seit dem 19. Jh. zunehmend sich ausbreitenden modernen Antisemitismus im Laufe des 20. Jhdts. rapide zu schwinden.
Wer die Zeichen der Zeit richtig zu deuten wusste und die Propaganda der Nationalsozialisten ernst nahm, suchte sein Heil im Ausland.

Als dann 1933 die Nazis die Macht ergriffen, hatte schon ein Drittel der Binger Juden Stadt und Land verlassen.
Von den damals noch 471 Personen wohnten nach den das jüdische Leben immer mehr einschränkenden Rassegesetzen und dem November-Pogrom 1938 nur noch 222 im Jahr 1939 in Bingen.

Nachdem 1941 den Juden die Ausreise untersagt und auf der berüchtigten Wannsee-Konferenz im Januar 1942 die Vernichtung des europäischen Judentums beschlossen worden war, wurden die verbliebenen 152 Binger Jüdinnen und Juden jedweden Alters gnadenlos diesem Schicksal zugeführt:
Unter den am 20. März 1942 mit dem ersten Massentransport aus Hessen nach Piaski-Lublin deportierten 1000 Juden waren 76 aus Bingen.
Am 27. September wurden weitere 68 nach Theresienstadt verschleppt, am 30. September 6 in das sogenannte Generalgouvernement und am 10. Februar 1943 nochmals 2  nach Theresienstadt.

Von diesen Deportationen geben die heute hier vorgestellten Fotos, die im vorigen Jahr aus dem Nachlass des Binger Fotografen Karl Kühn unserem Arbeitskreis übergeben worden waren, ein erschütterndes Zeugnis.

Bis auf einen, der zurückkam, wurden alle aus Bingen Deportierten in den Vernichtungslagern nachweislich ermordet oder sind seitdem verschollen, was wohl auf dasselbe hinausläuft.

56 Stolpersteine erinnern inzwischen im Binger Straßenpflaster vor ihrem letzten Wohnsitz an einzelne dieser Opfer.

So war denn 1943, im  10. Jahr der nationalsozialistischen Gewalt- und Schreckensherrschaft,  die seit dem Mittelalter in ihrer Kontinuität nie unterbrochene jüdische Gemeinde in Bingen vollends ausgelöscht, ihre Synagoge geschändet und verbrannt.

Was dies für Bingen nachhaltig bedeutet, hat der Historiker Werner Grandjean am Schluss seiner Darstellung der Bedeutung des jüdischen Bürgertums für die Entwicklung der Stadt Bingen vor dem 1. Weltkrieg so ausgedrückt:

„Der Untergang des jüdischen Bürgertums der Stadt Bingen durch Vertreibung und in der Hölle der Vernichtungslager bedeutet eine verheerende historische  Zäsur.
Diese ist gekennzeichnet durch ein alle Vorstellungen übersteigendes und nicht in Worte zu fassendes Leid, das jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern zugefügt wurde, gekennzeichnet aber auch durch eine unumkehrbare Verarmung der bürgerlichen Kultur der Stadt und durch unermesslichen Schaden für die vitale Entwicklung Bingens.“

Ein stummer und doch beredter Zeuge für diese einst blühende und regsame
Binger Judenschaft ist der 439 Jahre alte jüdische Friedhof am Hang des Rochusberges - mit seinen rund 1000 erhaltenen Grabsteinen einer der größten in Rheinland-Pfalz.