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Erinnerungen einer Binger Jüdin - AZ-Serie in 6 Teilen

"Sie erlebte einige Tragödien"
Enkelin schreibt Einführung für neue AZ-Serie: Erinnerungen der Binger Jüdin Mathilde Mayer
BINGEN - Das jüdische Leben in Bingen wird durch ein ungewöhnliches Zeitdokument wieder lebendig. Die AZ druckt in einer Serie einen Teil der Erinnerungen der aus Bingen stammenden Jüdin Mathilde Mayer ab. Sie wanderte 1937 in die USA aus und starb dort 1969 mit 100 Jahren. Enkelin Ellen Kann Pine, die in Kontakt mit dem Arbeitskreis Jüdisches Bingen steht, hat die umfangreichen Lebenserinnerungen ihrer Großmutter kommentiert. Beate Goetz hat den Text übersetzt:

Mathilde Mayer wurde 1869 in Bingen geboren, flüchtete 1937 vor den Nazis und starb im Alter von 100 Jahren in New York City.

Von ihrer Geburt am 14. April 1869 bis 1937, dem Jahr ihrer Auswanderung nach Amerika, hat meine Großmutter Mathilde Mayer geborene Gross in Bingen gelebt. Sie ging dort zur Schule, heiratete und ihre drei Kinder, meine Mutter Alice und meine Onkel Ernst und Willy, sind in Bingen geboren. Im zweiten Jahr nach ihrer Heirat mit Marx Mayer hat ihr Mann, mein Großvater, das Haus in der Gaustraße 42 gekauft; dort lebte meine Großmutter von 1889 bis 1937. Meine eigene Familie lebte in der Gaustraße 57.
Für meine Großmutter war ihre Familie der Mittelpunkt ihres Lebens. Sie legte großen Wert auf die Erziehung ihrer Kinder und sorgte dafür, dass sie ihre Hausaufgaben machten. Sie achtete fair aber streng auf Disziplin und dieser Charakterzug wirkte sich bis auf ihre Enkel aus. Meine Großmutter erlebte mehrere Tragödien, die ihr Leben nachhaltig beeinflussten: Dies waren der Tod ihrer Eltern, der Tod ihres Ehemannes, die Machtübernahme durch die Nazis und der Tod ihres ältesten Sohnes Willy. Sie war äußerst aufgewühlt durch den allzu frühen Tod ihrer Eltern Bernhard und Bertha Gross geborene
Seligmann, die 1901 während der Renovierung ihres Hauses in Bingen an Kohlenstoffmonoxidvergiftung starben. Der Tod meines Großvaters 1934 veränderte das Leben meiner Großmutter nicht nur weil sie sehr um ihn trauerte, sondern auch weil sein Tod mit dem Beginn der Judenverfolgung durch die Nazis zusammenfiel. 1933 standen beide Söhne meiner Großmutter, Willy und Ernst, kurz davor, Deutschland zu verlassen, da sie dort nicht länger arbeiten konnten. Der eine emigrierte nach England, der andere in die Vereinigten Staaten. Als das politische Klima den Juden das Leben immer mehr erschwerte und da der Druck ihrer Söhne, immer stärker wurde, beschloss meine Großmutter 1937, Bingen zu verlassen und in die USA auszuwandern.
Es war ein drastischer Schritt für sie, ein neues Leben zu beginnen in einem neuen Land und sich in einer neuen Sprache unter völlig neuen Umständen mitzuteilen. Mit 68 Jahren war sie das älteste aber erste Mitglied unserer Familie, das aus Bingen auswanderte. Da sie so mutig war, gab sie uns anderen ein außergewöhnliches Beispiel und wir folgten bald. So rettete sie direkt und indirekt viele Leben.
Sie kam in den Vereinigten Staaten mit sehr wenig Besitz an, da sie gezwungen war, alles was sie besaß, zum niedrigst möglichen Preis zu verkaufen. Da sie Deutschland verließ und jüdisch war, musste sie auch eine spezielle Auswanderungssteuer und noch andere Steuern bezahlen, bevor sie gehen durfte.
In den Vereinigten Staaten lebte sie viele Jahre lang in der Nähe der Familienmitglieder, die ihr geblieben waren und teilte in New Rochelle/New York eine kleine Wohnung, mit einem befreundeten Witwer, dem sie den Haushalt führte. Als ihr dies zu beschwerlich wurde, zog sie in das Haus ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes und schließlich in ein jüdisches Altersheim in New York City. Sie starb in New York drei Monate nach ihrem 100. Geburtstag, den sie im Kreise ihrer Kinder, ihrer Enkel und Urenkel feierte.
Meine Großmutter ist auf dem Friedhof in New Rochelle begraben; die Stelle, die für sie neben meinem Großvater auf dem jüdischen Friedhof in Bingen reserviert war, ist leer.